• vom 19.03.2016, 09:04 Uhr

Europäische Union

Update: 19.03.2016, 09:25 Uhr

Flüchtlinge

Eine Reise entlang der Grenzen Europas




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Von Dietmar Telser (Text) und Benjamin Stöß (Fotos)

  • Monatelang waren der Autor und der Fotograf gemeinsam an der EU-Außengrenze unterwegs. Eine Reflexion über den Zaun.

Mit Natodraht gegen Flüchtlinge: Nach einem starken Anstieg der Grenzübertritte errichtete Bulgarien im Jahr 2014 einen Zaun an der Grenze zur Türkei. Mit dem Türkei-Aktionsplan könnte sich die Flüchtlingsroute wieder stärker auf dieses Land verlagern.

Mit Natodraht gegen Flüchtlinge: Nach einem starken Anstieg der Grenzübertritte errichtete Bulgarien im Jahr 2014 einen Zaun an der Grenze zur Türkei. Mit dem Türkei-Aktionsplan könnte sich die Flüchtlingsroute wieder stärker auf dieses Land verlagern.

Mancher kann dem Sterben nicht mehr zusehen und einer, der dem Tod entronnen ist, mag vom Leben nichts mehr wissen. Das ist Mutaz, der sein Gesicht zu verbergen sucht, der sich als Einziger der Überlebenden an Bord abgewandt hat, der die Stirn an seinen Unterarm legt, als sich das Schiff dem Hafen nähert, weil er nicht sehen will, was kommt.

Er wird uns später seine Geschichte erzählen, er wird berichten von dem, was draußen auf dem Meer geschehen ist. Wir werden ihn nicht vergessen, den Geruch der wenigen geborgenen Leichen, die in Plastiksäcken auf dem Deck eines Marineschiffs liegen; werden sie nicht vergessen, die Überlebenden im Hafen auf der Suche nach Freunden und Angehörigen, einen Syrer mit dem Oberkörper eines Kraftsportlers, der weint wie ein Kind, die Mediziner von "Ärzte ohne Grenzen", die erschöpft und mit leerem Blick spät am Abend keine Worte mehr für all das finden, das an diesem Tag geschehen ist. Mehr als hundert Flüchtlinge haben diese Überfahrt von Zuwarah in Libyen nach Italien nicht überlebt. Es ist nichts, das in diesen Jahren noch große Schlagzeilen machen wird. Etwa 3500 Menschen ertrinken im Jahr 2014 im Mittelmeer, rund 3800 werden es 2015 sein. Aber wir werden erfahren, dass man sich dennoch nicht gewöhnen kann an das Leid und an den Tod, die auf dieser Reise ständige Begleiter sind.

Information

Für "Der Zaun" reisten die Journalisten Dietmar Telser und Benjamin Stöß drei Monate entlang der Grenzen Europas. Das Multimediaprojekt www.der-zaun.net erschien in Zusammenarbeit mit Sueddeutsche.de. Das Buch erscheint am Montag, 21. 3. 2016.


Die Geschichte beginnt im Juli 2014. Man muss dahin zurück, um nachvollziehen zu können, was an Europas Grenzen geschieht. Wir wollen verstehen, weshalb sich Menschen in Gummiboote setzen, um ihr Leben auf hoher See zu riskieren, weshalb sie sich in die Hand von Kriminellen begeben, denen nichts heilig ist außer Geld, weshalb sie alles zurücklassen für eine Zukunft, die voller Zweifel ist und kaum Gewissheit kennt. Drei Monate werden wir an den Grenzen Europas entlangreisen, weil wir spüren wollen, wie sich das Leben für Flüchtlinge und für Grenzschützer am Rande dieser sogenannten Festung anfühlt, weil wir wissen wollen, was Zäune mit Menschen machen und wie es uns, dieses Europa, verändert. Aber wir werden schnell merken, dass man nur aufschreiben und aufnehmen, aber niemals verstehen kann. Wir werden bald erkennen, dass es nicht allein eine Reise zu den Menschen, sondern auch eine zu Europa und dem zerplatzenden Traum einer Gemeinschaft ist, die doch auch ein humanitärer Gedanke einen sollte. Drei Monate führt uns die Recherche durch Bulgarien, Griechenland, die Türkei, Italien, Tunesien und Marokko. Wir sprechen mit Grenzschützern und Bürgermeistern, die Europa vergeblich um Hilfe bitten, wir treffen Flüchtlinge, die den Bomben Assads entkommen sind, und Menschen, die einfach nur ihr Glück fern der Heimat suchen. Und wir besuchen Mütter, die seit Jahren nach ihren Söhnen suchen, weil das Meer die Leichen nicht mehr herausrückt und sich auch sonst kaum jemand um deren Tränen schert.

Eineinhalb Jahre später, im März 2016, scheint sich gerade alles zu verändern, damit es wieder so wird, wie es einmal war. Diesmal aber zieht Europa die Mauern noch höher als zuvor, verriegelt die Balkanroute, die für wenige Monate innerhalb Europas einen legalen Weg bot, lässt Nato-Schiffe in der Ägäis patrouillieren und arbeitet an einem Türkei-Abkommen, das laut Menschenrechtsorganisationen zumindest in seiner ersten Skizzierung kaum in Einklang mit Flüchtlings- und Menschenrechtskonvention stehen wird.

Bau an der Festung Europa

Benjamin Stöß geboren 1978 in Kamp-Lintfort, Absolvent der Kunsthochschule für Medien in Köln, ist freiberuflicher Bildjournalist und arbeitet am Käte Hamburger Kolleg "Recht als Kultur" in Bonn.

Benjamin Stöß geboren 1978 in Kamp-Lintfort, Absolvent der Kunsthochschule für Medien in Köln, ist freiberuflicher Bildjournalist und arbeitet am Käte Hamburger Kolleg "Recht als Kultur" in Bonn. Benjamin Stöß geboren 1978 in Kamp-Lintfort, Absolvent der Kunsthochschule für Medien in Köln, ist freiberuflicher Bildjournalist und arbeitet am Käte Hamburger Kolleg "Recht als Kultur" in Bonn.

Dazwischen liegt das Sommermärchen der Flüchtlingskrise, wie es manche Medien nannten. Das Sommermärchen, das waren die Bilder von den Bahnhöfen in Österreich und Deutschland, die Menschen, die mit Teddybären und Luftballons Flüchtlinge erwarteten, das war der Applaus, mit dem die Neuankömmlinge empfangen wurden, und wie diese den Applaudierenden Handküsse zuwarfen. Es ist später viel Abwertendes darüber gesagt worden, aber es war ein ungeheuer starkes Signal der Zivilgesellschaft in einem schon damals erkaltenden Europa. Es waren die Monate, in denen sich die Welt die Augen rieb, weil sich plötzlich alles zu verändern schien, weil ausgerechnet die Länder, die sich jahrelang mit dem Dublin-Verfahren einen großen Teil der Asylbewerber fernhielten, auf einmal solidarisch zeigten.

Dietmar Telser kam 1974 in Südtirol auf die Welt, er studierte Deutsche Philologie und Publizistik an der Universität Wien und arbeitet als Redakteur für die in Rheinland-Pfalz erscheinende Rhein-Zeitung.

Dietmar Telser kam 1974 in Südtirol auf die Welt, er studierte Deutsche Philologie und Publizistik an der Universität Wien und arbeitet als Redakteur für die in Rheinland-Pfalz erscheinende Rhein-Zeitung. Dietmar Telser kam 1974 in Südtirol auf die Welt, er studierte Deutsche Philologie und Publizistik an der Universität Wien und arbeitet als Redakteur für die in Rheinland-Pfalz erscheinende Rhein-Zeitung.

Jahrzehntelang wirkten diese Dublin-Regeln wie eine Barriere innerhalb des grenzenlosen Europas. Asylbewerber müssen ihre Anträge in dem Land der EU stellen, das sie als Erstes betreten hatten. Und weil die Flucht nach Europa meist nur über das Meer führt, waren es in den meisten Fällen Griechenland oder Italien. Ausgerechnet die wohlhabenderen EU-Länder hielten sich damit viele Asylbewerber auf Distanz. Es war eine Begrenzung des Zuzugs, die, konsequent angewandt, fast die komplette Last auf die EU-Außenstaaten abgeladen hätte. Nur die Tatsache, dass Dublin nie funktionierte, weil Rückführungen in vielen Fällen nicht durchsetzbar waren, sorgte für eine Entlastung dieser Länder. Dublin war aber auch die Geschäftsgrundlage der innereuropäischen Schlepperringe, eine Erweiterung des Portfolios der Menschenschmuggler um das Europa-Geschäft.


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Dokument erstellt am 2016-03-18 16:59:17
Letzte nderung am 2016-03-19 09:25:57



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