• vom 01.11.2016, 21:09 Uhr

Europäische Union

Update: 02.11.2016, 18:45 Uhr

Interview

"Multiorganversagen des Systems"




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Von Thomas Seifert

  • Adorno-Schüler Oskar Negt über die Krise, Ängste und das Wiederaufkeimen von faschistischem Potenzial.



Oskar Negt beim Interview im Café Eiles.

Oskar Negt beim Interview im Café Eiles.© Thomas Seifert Oskar Negt beim Interview im Café Eiles.© Thomas Seifert

"Wiener Zeitung": Populismus, Demokratiekrise, Unbehagen, ja Wut im Parteienstaat. Was läuft eigentlich schief in westlichen Demokratien?

Oskar Negt: Naja, das ist natürlich eine große Frage. Lassen Sie mich eine Antwort versuchen: Es gibt natürlich nicht einzelne, isolierte Krisenherde, sondern wir haben es mit einem ganz üblen Krankheitsfall zu tun und sehen das Multiorganversagen des Systems Kapitalismus. Am sichtbarsten sind die Verlustängste der Menschen. Die Rechtspopulisten nähren diese Verlust- und Abstiegsängste: Die sogenannten Fremden wollen den Etablierten das bisschen streitig machen, das sie haben. Seltsamerweise wird die Figur des "Fremden" besonders in jenen Regionen als bedrohlich empfunden, wo es kaum solche "Fremde" gibt. In Mecklenburg-Vorpommern ist das beispielsweise der Fall. Dennoch ist dort die rechtspopulistische AfD besonders erfolgreich. Das Tückische: Dieser Angstrohstoff pflanzt sich fort. Und irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass den herrschenden Eliten diese Angstprojektion auf die "Anderen", auf das "Fremde" gar nicht so unrecht ist. Auf diese Weise wird der "Feind" benannt, es werden Gefahren projiziert, die es so gar nicht gibt. Das Systemversagen, all die Ungerechtigkeiten und all die soziale Ungleichheit, rückt dadurch in den Hintergrund. Eine konkrete Bedrohung - auch wenn sie nur eine projizierte Bedrohung ist - erscheint vielen eben realer als eine diffuse, nicht greifbare Bedrohung durch die Unzulänglichkeiten unseres Systems. Da kursiert dann die Auffassung, dass die Massen derjenigen, die nicht haben, sich etwas aneignen wollen. Dieses Besitzstreben wird meiner Auffassung nach auf die Fremden projiziert.

Es heißt immer: Krisen sind Chancen - Chancen auf Veränderungen, Chancen auf Weiterentwicklung. Warum ist das dieses mal nicht der Fall?

Krisenzeiten sind nur dann Erkenntniszeiten, wenn es erkennbare Alternativen gibt. Wenn aber die Alternativen nicht sichtbar sind, dann mutiert dieses Krisenbewusstsein in eine Art Depression. Lassen Sie mich aber klarstellen: Es gibt Alternativen. Es gibt genügend Intellektuelle, die auf scharfsinnige Weise die Verhältnisse analysieren. Und mittlerweile sind die tieferen Ursachen der Unzufriedenheit, des Unbehagens und der Wut vieler Bürgerinnen und Bürger, die sich vielfach in der Unterstützung destruktiver Rechtspopulisten ausdrückt, bekannt. Der real existierende Kapitalismus bringt ein immer größeres Heer von Überflüssigen hervor. Immer mehr Menschen werden durch eine immer rasantere Automatisierung aus dem Arbeitsprozess gedrängt. Die Mittelschicht erodiert, in Deutschland besitzt eine Minderheit von nicht einmal 10 Prozent die Hälfte des gesellschaftlichen Reichtums. Dazu kommt ein Gefühl der Ohnmacht jener, die sich immer mehr als Verlierer der aktuellen technologischen und ökonomischen Entwicklung sehen.

Woher kommt diese Ohnmacht?

Diese Ohnmacht ist ja nicht nur ein Gefühl, viele Menschen stehen den Entwicklungen ja tatsächlich ohnmächtig gegenüber. Was dieses Ohnmachtsgefühl aber verstärkt: Das Proletariat als kämpferische, starke, geschlossene Gruppe, die um ihre Rechte kämpft, gibt es nicht mehr. Und das Kleinbürgertum verliert ebenfalls die letzten Reste bourgeoiser Repräsentanz. Es gibt somit kein gemeinsames Eintreten für die eigenen Interessen.

Manchmal beschleicht einen das Gefühl, dass wir es in der heutigen Zeit mit einer Art kollektiver manisch-depressiver Störung zu tun haben. Ein Beispiel: Vor acht Jahren standen Barack Obama und Mitt Romney zur Wahl. Obama - ein Ausnahmepolitiker, aber auch der damalige republikanische Kandidat Mitt Romney wirkt im Vergleich zu Donald Trump, der in diesem Jahr der Kandidat der Republikaner ist, wie ein Heiliger. Wie kommt es zu solchen kollektiven Stimmungsschwankungen?

Es ist erstens nicht ausgeschlossen, dass ganze Gesellschaften einem kollektiven Wahn erliegen. Gerade wir Deutschen haben genau das in den 1930er Jahren erlebt. Aber eines ist schon bemerkenswert: das geringe Maß an Wirksamkeit der Vernunft.

Bevor es nun zu depressiv wird, frage ich Sie nach möglichen Auswegen und Lösungen.

Gut so. Eine triviale aber die dennoch wohl treffendste Antwort lautet Bildung. Bildung - vor allem auch politische Bildung - muss auf allen Ebenen intensiviert werden. Politische Urteilskraft der Bürger ist das wesentlichste Element jeglicher Krisenlösung. Da bedarf es auch einer Veränderung des Schulsystems. Ein weiteres Problem ist die Autoritätsfixierung in unseren Gesellschaften. Die Angst vor den Mächtigen spielt in Ländern wie Deutschland und Österreich eine wichtige Rolle. Diese Angst führt dazu, dass die Menschen zulassen, dass nach unten getreten wird, dass sie zulassen, dass man die Flüchtlinge gleichsam zu den Alleinschuldigen für die knappen Kassen des Sozialstaates macht. Wenn es aber darum geht, zu hinterfragen, ob die Reichen und Superreichen in Deutschland ihren fairen Anteil bezahlen, dann gibt es plötzlich eine Beißhemmung. Denn nun würde es ja nicht gegen die Schwachen in unserer Gesellschaft, sondern gegen die Starken und Mächtigen gehen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-11-01 17:14:05
Letzte nderung am 2016-11-02 18:45:10



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