• vom 17.07.2017, 16:47 Uhr

Europäische Union

Update: 17.07.2017, 17:01 Uhr

Brexit

"Mein Traum ist zu einem Albtraum geworden"




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Von WZ-Korrespondent Peter Nonnenmacher

  • Unzählige EU-Bürger, die seit Jahren in Großbritannien leben und arbeiten, fragen sich, was nun aus ihnen wird.

Protest gegen Brexit in London. Millionen EU-Bürger bangen. - © afp

Protest gegen Brexit in London. Millionen EU-Bürger bangen. © afp



Joan Laplana: "Die spielen mit meinem Leben"

Joan Laplana: "Die spielen mit meinem Leben"
Joan Laplana: "Die spielen mit meinem Leben"

London. Millionen Kontinentaleuropäer in Großbritannien fürchten, post Brexit zu Bürgern zweiter Klasse heruntergestuft zu werden - oder bei einem Scheitern der Brexit-Verhandlungen ganz die Koffer packen zu müssen. Drei der Betroffenen und die Direktorin des Polnischen Zentrums in London haben unserem Korrespondenten erklärt, warum die anhaltende Ungewissheit zu einem solchen Problem für so viele Menschen geworden ist.

Joan Laplana erinnert sich genau an den Tag, an dem ihm "so richtig klar wurde, was Brexit bedeutet". Es war der Tag, an dem seine kleine Tochter weinend aus der Schule nach Hause gelaufen kam. "Sie berichtete damals, jemand im Schulhof habe zu ihr gesagt: Dein Vater muss nächstes Jahr das Land verlassen und darf nicht mehr zurückkehren." Dann habe sie ihn, den Vater, bang angesehen: "Ist das wirklich wahr?"

"Dazu", meint Joan Laplana, "konnte ich weder mit Ja noch mit Nein antworten - weil ich es auch nicht wusste." In der Tat hat die britische Entscheidung zum Austritt aus der EU dem spanischen Familienvater und rund drei Millionen anderen in Großbritannien lebenden EU-Bürgern nun schon ein volles Jahr an fataler Ungewissheit beschert.

Alexandrine Kantor: "Und was wird nun aus mir?"

Alexandrine Kantor: "Und was wird nun aus mir?"
Alexandrine Kantor: "Und was wird nun aus mir?"

Noch heute, zwölf Monate nach dem Referendum, rätseln die Betroffenen darüber, ob sie post Brexit weiter im Vereinigten Königreich bleiben dürfen - und wenn ja, zu welchen Bedingungen und mit welchen Garantien.

Bis zum letzten Sommer, erklärt es Joan Laplana, habe er sich ja noch "ganz sicher" gefühlt in seiner Wahlheimat. "Aber all das hat sich geändert, als ich am Morgen nach dem Referendum aufwachte und begriff, dass nichts mehr war wie zuvor."

Der heute 42-Jährige war zur Millenniumswende von Spanien nach England gezogen, um im Nationalen Gesundheitswesen, dem NHS, als Pfleger zu arbeiten. Er wohnt heute in Chesterfield und ist mit einer Britin verheiratet. Die drei Kinder sind 15, 12 und fünf Jahre alt.

Protest gegen Brexit in London. Millionen EU-Bürger bangen.

Protest gegen Brexit in London. Millionen EU-Bürger bangen.© APAweb/afp Protest gegen Brexit in London. Millionen EU-Bürger bangen.© APAweb/afp

"Nach England bin ich gezogen, weil mich der NHS interessiert hat", sagt Joan Laplana. "Das war damals, im Jahr 2000, einer der besten Gesundheitsdienste der Welt." Im NHS, mit seiner multikulturellen, multinationalen Belegschaft, sei es leicht für ihn gewesen, sich zu integrieren. "Ich habe hart gearbeitet, habe 17 Jahre lang meine Steuern bezahlt hierzulande und bin in dieser Zeit nie benachteiligt worden. Jetzt aber soll ich plötzlich kein vollwertiger Bürger mehr sein."

Mit einem Mal werde er gefragt, warum er denn nicht "nach Hause" gehe, berichtet Laplana. "Aber Spanien ist nicht mehr mein Zuhause. Gut, ich habe einen spanischen Pass. Aber ich habe fast mein ganzes erwachsenes Leben hier in Großbritannien verbracht. Ich lebe hier. Meine Kinder sind britisch. Ich betrachte Britannien als mein Land." Was ihn wirklich ärgere, meint Joan Laplana, das sei, dass nach all den Jahren plötzlich sein Akzent, seine Herkunft eine Rolle spiele. Und dass er und all die anderen "Kontinentalen" auf einmal für alles verantwortlich gemacht würden - für die Probleme des Landes, für die Krise des NHS.

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© privat
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"Man macht uns zu Sündenböcken. Das macht mich wirklich wütend." Theresa May behandle Leute wie ihn "fast schon wie Kriminelle". Festland-Europäer müssten sich offenbar demnächst Fingerabdrücke abnehmen lassen und sollten Ausweise bei sich tragen, während britische Staatsangehörige sich weiter gegen jede Form der Registrierung sträubten. Damit, meint er, schaffe man "eine Zwei-Klassen-Gesellschaft" im Vereinigten Königreich.

Was ihn endlos verwundert, ist die Naivität vieler Einheimischer, die sich von Abgrenzung gegenüber dem Kontinent die Lösung aller Probleme versprechen. "Wir sind bereits jetzt sehr ausgedünnt, mit Pflegern, Schwestern und Ärzten. Die letzten zehn Jahre über war der NHS schon ganz auf die Europäer angewiesen. Jetzt beginnen sie auszubleiben, weil Theresa May ihnen zu verstehen gibt, dass sie hier nicht mehr willkommen sind. Kollegen von mir bereiten die Abreise vor."

Joanna Mludzinska: "Manche gehen, manche bleiben"

Joanna Mludzinska: "Manche gehen, manche bleiben"© privat Joanna Mludzinska: "Manche gehen, manche bleiben"© privat

Im Grunde, meint Joan Laplana, fühle er sich, so wie die Sache jetzt laufe, "betrogen". Seinerzeit habe man ihn geradezu gedrängt, nach Großbritannien zu kommen: "Sie haben verzweifelt nach Pflegern gesucht. Sie haben mir gesagt, ich könne hier arbeiten, ich könne mich hier ansiedeln, ich könnte mir meinen Traum erfüllen. Plötzlich wandelt sich dieser Traum in einen Albtraum. Das macht mich wirklich zornig. Die spielen mit meinem Leben. Es ist nicht fair."

Alexandrine Kantor ist aus Straßburg. Sie ist 29. Sie arbeitet seit drei Jahren nahe Oxford, an einem Atomenergie-Projekt. "Es geht um die nächste Generation von Atomkraftwerken, um Atomenergiegewinnung ohne Schädigung der Umwelt, um etwas, was im Einklang steht mit der Pariser Umwelt-Vereinbarung. Aber leider ist das alles nun in Gefahr."

Denn diese Arbeit, an der Front technologischer Entwicklung, wird getragen von Euratom, der europäischen Atom-Behörde. Und die Regierung May hat klargemacht, dass ihr Land im Zuge des Brexit auch aus Euratom ausscheiden soll. "Von dieser Ungewissheit sind wir alle betroffen." Zahllose Wissenschafter vom Kontinent sind an dem Projekt beteiligt. Der Brexit hat, wie das NHS, auch die Forschung auf der Insel in Schwierigkeiten gebracht.

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Brexit, Großbritannien

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-17 16:51:20
Letzte nderung am 2017-07-17 17:01:46



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