• vom 27.11.2017, 15:41 Uhr

Europäische Union

Update: 27.11.2017, 17:06 Uhr

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Glyphosat für weitere fünf Jahre zugelassen




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Von WZ Online, APA

  • Insgesamt stimmten 18 EU-Staaten für die weitere Verwendung des Unkrautvernichtungsmittels.
  • Scharfe Kritik von Umweltorganisationen, rechtliche Schritte angekündigt.

Proteste während der Abstimmung in Brüssel. - © APAweb/AFP, DUNAND

Proteste während der Abstimmung in Brüssel. © APAweb/AFP, DUNAND

Brüssel. Das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat darf weitere fünf Jahre in der EU zugelassen werden. Die EU-Staaten stimmten in Brüssel mehrheitlich für einen entsprechenden Vorschlag der EU-Kommission. Insgesamt seien 18 Länder dafür gewesen, Österreich war demnach dagegen, erklärten Diplomaten.

Die derzeitige Glyphosat-Zulassung für die EU läuft am 15. Dezember ab. Glyphosat steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Die EU-Agenturen halten den Wirkstoff allerdings für unbedenklich.

Ende des Patts

Damit endet ein monatelanges Patt der EU-Staaten, bei dem weder eine Mehrheit für noch gegen Glyphosat zustande kam. Möglich wurde der Beschluss unter anderem deshalb, weil Deutschland, das sich bisher enthalten hatte, nunmehr für eine fünfjährige Verlängerung stimmte. Gegen Glyphosat votierten neben Österreich dem Vernehmen nach auch Frankreich, Italien, Belgien, Griechenland, Kroatien, Zypern, Luxemburg und Malta. Portugal enthielt sich der Stimme.

"Der Schutz der Gesundheit der Menschen muss klar Vorrang gegenüber den Profitinteressen der Agrochemie-Lobby haben. Das sehen leider nicht alle Mitgliedstaaten so", kritisierte die SPÖ-Europaabgeordnete Karin Kadenbach. Das EU-Parlament hatte in einer - rechtlich nicht bindenden Resolution - verlangt, dass Glyphosat ab 15. Dezember 2022 europaweit verboten werden soll. "Immerhin haben wir mit unserer Beharrlichkeit durchgesetzt, dass die EU-Kommission statt zehn Jahren eine Zulassung von fünf Jahren vorschlägt. Für mich steht fest: Unser Ziel muss nach wie vor ein schnelles Verbot von Glyphosat in Europa sein", sagte Kadenbach.

Scharfe Kritik von Umweltorganisationen 

Die SPÖ will nun einen nationalen Glyphosat-Ausstieg erreichen: "Wir werden dazu einen Gesetzesantrag im Parlament einbringen, mit dem wir erreichen, dass dieses Gift nicht mehr in Österreich verwendet werden darf", erklärte der geschäftsführende SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder.

Scharfe Kritik an der Entscheidung der EU-Staaten übten auch die Umweltorganisationen. "Jetzt muss die Bundesregierung Verantwortung übernehmen und in Österreich für einen Glyphosat-Ausstieg sorgen", forderte Greenpeace Österreich. So hätten sich inzwischen schon 523 Gemeinden freiwillig dazu entschieden, auf Glyphosat zu verzichten. Alle Parlamentsparteien bis auf ÖVP und NEOS hätten öffentlich bereits ein Ende von Glyphosat gefordert.

Die Umweltschutzorganisation Global 2000 kündigte an, rechtliche Schritte gegen die Entscheidung der EU-Staaten einlegen zu wollen. "Für eine Wiederzulassung gab es keine rechtliche und wissenschaftliche Grundlage. Das Pestizid hätte niemals zugelassen werden, noch hätte es jetzt eine Wiederzulassung geben dürfen", erklärte Helmut Burtscher von Global 2000. Die EU-Kommission und die EU-Staaten hätten sich über die Forderung von über 1,3 Millionen Europäern, die ein Aus für Glyphosat forderten, hinweg gesetzt. "Das ist ein bitterer Tag für die Gesundheit der EU-Bürger."

Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) will - sobald der Glyphosat-Rechtstext der EU-Kommission im Wortlauf vorliegt -, bei einem Runden Tisch unter anderem mit dem Bundesamt für Ernährungssicherheit und den Bundesländern die weitere Vorgangsweise diskutieren. So sollen im Rahmen der EU-Rechtlichen Vorgaben sowie mögliche Alternativen im landwirtschaftlichen und nicht-landwirtschaftlichen Bereich besprochen werden.

Substanz "von geringer akuter Toxizität"

Glyphosat ist seit langem als Unkrautvernichter in Pflanzenschutzmitteln enthalten. Laut der Umweltschutzorganisation Global 2000 ist es das am weitesten verbreitete Herbizid in Europa. Der Wirkstoff hemmt das Enzym 5-Enolpyruvylshikimat-3-phosphat (EPSP)-Synthetase, das Pflanzen für die Biosynthese der Aminosäuren Phenylalanin, Tyrosin und Tryptophan brauchen. Dieses Enzym kommt bei Tieren und beim Menschen nicht vor.

Wird Glyphosat eingesetzt, stirbt die Pflanze binnen zwei bis drei Tagen ab. Laut der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) handelt es sich um eine Substanz "von geringer akuter Toxizität". In Tests hätten sich bisher auch keine Hinweise ergeben, dass Glyphosat die Entstehung von Krebs fördert. Glyphosat wird seit rund 40 Jahren als Unkrautvernichter eingesetzt, vor allem in der Langwirtschaft, in Parkanlagen, aber auch auf Bahngleisen und in Privatgärten.

Rückstände  in Lebensmitteln

Die AGES untersucht regelmäßig Produkte auf Rückstände des Herbizids. Überschreitungen der zulässigen Höchstgehalte seien bisher in Erntegütern und Lebensmitteln nicht aufgetaucht. "Wenn die gesetzlich festgelegten Höchstgehalte durch diese Pestizidrückstände nicht überschritten werden, ist das für den Menschen gesundheitlich unbedenklich und gemäß der Pflanzenschutzmittel-Gesetzgebung auch gesetzeskonform", heißt es auf der Homepage der AGES. "Selbst bei Überschreitung der Rückstandshöchstgehalte ist daraus eine gesundheitliche Auswirkung auf den Menschen nicht unbedingt abzuleiten, da bei deren Festlegung große Sicherheitsfaktoren einbezogen werden."

2009 bis 2012 wurden von der AGES über 1.000 Lebensmittelproben auf Glyphosat und AMPA (Aminomethylphosphonsäure, ein Abbauprodukt von Glyphosat) untersucht. In drei von 133 Getreideproben wurde der Stoff in sehr geringer Konzentration (zwischen 0,02 und 0,05 mg/kg) nachgewiesen, die gesetzlichen Höchstwerte im konventionellen Anbau bei Getreide liegen zwischen 0,1 und 20 mg/kg. Auch bei Hülsenfrüchten (13 Mal bei 68 Proben) und in Ölsaaten (fünf Mal bei 22 Proben) wurde Glyphosat nachgewiesen, allerdings weit unter den gesetzlichen Höchstgrenzen. Bei zwölf Proben (Hülsenfrüchte, Ölsaaten) mit einem positiven Befunde handelte es sich um Bioprodukte. Diese Erzeugnisse wurden beanstandet, weil mit einem Nachweis der für Biowaren geltende Höchstwert (0,01 mg/kg) ermittelt wird. Diese Proben wurden beanstandet. "Bei sämtlichen gefundenen Rückständen ist von keiner Gesundheitsgefahr auszugehen", so die AGES.





Schlagwörter

Europäische Union, Glyphosat

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-27 15:45:10
Letzte nderung am 2017-11-27 17:06:44



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