• vom 20.12.2013, 22:07 Uhr

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Update: 20.12.2013, 22:21 Uhr

Russland

Putins Fängen entflohen




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Von WZ-Korrespondent Robert Kalimullin

  • Russlands bekanntester Polithäftling in Berlin: Chodorkowski will sich künftig Sozialprojekten widmen.

Begrüßung in Berlin: Ex-Außenminister Genscher empfing Michail Chodorkowski nur wenige Stunden nach dessen Freilassung.

Begrüßung in Berlin: Ex-Außenminister Genscher empfing Michail Chodorkowski nur wenige Stunden nach dessen Freilassung.© ap Begrüßung in Berlin: Ex-Außenminister Genscher empfing Michail Chodorkowski nur wenige Stunden nach dessen Freilassung.© ap

Moskau. Michail Chodorkowski ist frei. Mehr als zehn Jahre hatte der weithin als politischer Gefangene anerkannte ehemalige Öl-Milliardär in Haft verbracht, dann ging plötzlich alles ganz schnell. Am Donnerstag verkündete Russlands Präsident Wladimir Putin in Moskau, Chodorkowski in Kürze begnadigen zu wollen. Bereits am Freitagmorgen konnte Chodorkowski das Straflager in Karelien verlassen, wo sein Arbeitsalltag im Anfertigen von Dokumentenmappen bestand. Am Nachmittag desselben Tages wurde er dann vom deutschen Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld begrüßt. Chodorkowskis Deutschland-Reise steht vermutlich im Zusammenhang mit dem Besuch seiner krebskranken Mutter, die in Deutschland behandelt wird.


In einer ersten Stellungnahme dankte Chodorkowski Genscher für seine Bemühungen in dem Fall und erklärte die Umstände, die zu seiner plötzlichen Freilassung führten. Chodorkowski betonte dabei, dass sein Gnadengesuch nicht mit dem Eingeständnis einer Schuld verbunden war, wie Beobachter zuvor vermutet hatten. Er habe sich am 12. November an Putin gewandt und um "Begnadigung in Zusammenhang mit seiner familiären Situation" gebeten. Der knappe Text der Verordnung Präsident Putins, der auf der Webseite des Kremls veröffentlicht wurde, deckt sich mit dieser Aussage: Dort ist die Rede von "humanitären Prinzipien", die den Ausschlag für die Entscheidung gegeben hätten.

1963 in Moskau geboren, war Chodorkowski in den zehn Jahren, die er in wechselnden Straflagern in Russland verbrachte, stets in Moskau präsent. Seine im Gefängnis geschriebenen Bücher standen in den Schaufenstern der Buchläden, für das liberale Magazin "New Times" betätigte er sich aus der Haftanstalt als Kolumnist. Seine politisch motivierte Verurteilung lag stets als dunkler Schatten über der Regierung von Putin, seine Begnadigung wird auch in Zusammenhang mit den bevorstehenden Olympischen Winterspielen in Sotschi gesehen: Das Lieblingsprojekt des Präsidenten soll durch keinerlei Misstöne getrübt werden.

Der studierte Chemiker Chodorkowski brachte es in den 1990er Jahren im Zuge der Privatisierung ehemaliger Staatsunternehmen zu Reichtum. 2004 führte ihn das Magazin "Forbes" mit einem geschätzten Vermögen von 15 Milliarden US-Dollar auf dem 16. Platz seiner Liste der reichsten Menschen der Welt.

Parallel zu seinem Aufstieg als Geschäftsmann begann Chodorkowski, sich politisch oppositionell zu positionieren. Wladimir Putin wiederum hatte seit seinem Amtsantritt als Präsident im Jahr 2000 versucht, die politische Macht der russischen Oligarchen zu brechen. Dass Chodorkowski sich nicht an das ungeschriebene Gesetz halten wollte, im Austausch für ungehinderte wirtschaftliche Tätigkeit seine Finger von der Politik zu lassen, wird allgemein als Grund für seine Verhaftung im Jahr 2003 und die folgende Verurteilung zu neun Jahren Haft wegen Betrug und Steuerhinterziehung angesehen. 2010 erfolgte in einem zweiten Prozess eine Verurteilung zu sechs weiteren Jahren Haft, die Strafe wurde später reduziert, sodass Chodorkowski regulär erst im August 2014 freigekommen wäre.

Die jetzige Haftentlassung kommt für die meisten Beobachter unerwartet, noch vor kurzem war über die Aufnahme eines dritten Verfahrens gegen Chodorkowski spekuliert worden, um ihn auch über 2014 hinaus hinter Gittern zu halten. Doch offenbar sah Wladimir Putin nach zehn Jahren keinen ernst zu nehmenden Gegner mehr in Chodorkowski. Dass Chodorkowski Russlands Machthabern in Freiheit wesentlich nützlicher sei als im Gefängnis, hatte als der Politologe und Publizist Leonid Radsichowski bereits wenige Tage vor der Ankündigung der Begnadigung vorausgesagt.

Zu seinen Zukunftsplänen äußerte sich Chodorkowski bislang nicht, er verlieh lediglich seinem Wunsch Ausdruck, die bevorstehenden Feiertage im Kreis seiner Familie zu verbringen. Kurz vor seiner Freilassung hatte Chodorkowski in einem Interview mit der "Wirtschaftswoche" eine politische Betätigung nach der Haftentlassung ebenso ausgeschlossen wie eine Rückkehr in die Wirtschaft. Stattdessen wolle er sich gesellschaftlich betätigen.




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Dokument erstellt am 2013-12-20 18:41:05
Letzte Änderung am 2013-12-20 22:21:15



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