• vom 24.02.2014, 18:37 Uhr

Europastaaten


Russland

Eine Zäsur für Moskau




  • Artikel
  • Kommentare (5)
  • Lesenswert (19)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Ines Scholz

  • Mit dem Verlust der Ukraine muss Präsident Putin auch den Traum einer Eurasischen Union begraben
  • Russland-Experte schließt Moskauer Militärintervention auf Krim nicht aus.



Kiew/Moskau/Wien. Russlands Führung ist nach der Entmachtung des ukrainischen Verbündeten Wiktor Janukowitsch in einer Art Schockstarre. Sonst bei raschen Schuldzuweisungen und Kritik am Westen selten verlegen, hat es Wladimir Putin nach seiner außenpolitischen Niederlage vom Wochenende vorgezogen, vorerst zu schweigen. Lieber nutzte der Kreml-Führer das internationale Rampenlicht, um sein Prestige-Projekt, die Olympischen Winterspiele in Sotschi, als gigantischen Erfolg zu preisen.

Für den Kreml kam - ebenso wie für den Westen - das von der ukrainischen Opposition am Samstag proklamierte Ende der Janukowitsch-Ära überraschend. Moskau hatte die vergangenen Monate alles daran gesetzt, die strategisch wichtige Ex-Sowjetrepublik im russischen Einflussbereich zu halten - zunächst mit Handelssanktionen und Milliarden-Rückzahlungsforderungen für russische Gaslieferungen. Später, als Janukowitsch auch wegen der Drohungen aus Moskau auf eine Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU verzichtet hatte, mit angekündigten Milliardenhilfen aus Moskau. Als die Proteste auf dem Maidan in Kiew trotzdem weitergingen, machte sich im Kreml allmählich Panik breit. Putin-Berater wie der Wirtschaftsexperte Sergej Glasjew verlangten von Janukowitsch, die "von den USA finanzierte" pro-westliche Oppositionsbewegung mit Waffengewalt niederzuschlagen. Eine Alternative gebe es nicht.


Janukowitsch hörte auf den Rat seiner Schutzmacht und ließ Scharfschützen auf Demonstranten schießen, bis zu 80 Tote waren die Folge - wenige Tage später war er gestürzt.

Damit sind auch Putins Hoffnungen auf einen Beitritt des 46-Millionen-Einwohner-Landes - mit seinem riesigen Markt und den bedeutenden Ressourcen - zu einer von Russland gesteuerten Zollunion mit Kasachstan und Weißrussland vorerst einmal vom Tisch. Die Mehrheit der Ukrainer blickt sehnsuchtsvoll nach Europa - insbesondere im Westen des Landes hat das Volk von russischer Bevormundung und der aus Moskau gesteuerten Politikerkaste genug. In der Eurasischen Union, die Putin 2015 als politisches, wirtschaftliches und strategisches Gegengewicht zur EU gründen wollte, würde Moskau quasi im Alleingang die Regeln bestimmen. Die politische Führung in Russland sieht in der Ukraine nicht viel mehr als einen Vasallen mit engen religiösen und kulturellen Verbindungen.

Wie Russland nun weiter vorgehen wird, weiß laut Beobachtern die Regierung in Moskau selbst noch nicht. Als durchaus realistisches Szenario gilt, dass als Vergeltung für den "Staatsstreich", den Moskau der Opposition vorwirft, die Errichtung von Handelsbarrieren beschlossen wird. Zudem besteht in der Ukraine die realistische Angst, dass der Nachbar im Osten die jüngst gesenkten Gaspreise wieder anhebt. Eine bittere Perspektive für die Ukraine, die schon jetzt am Rande der Zahlungsunfähigkeit steht. Allerdings hat Moskau wenig Interesse daran, das Land völlig auszubluten, denn Kiew schuldet Russland noch Milliarden Dollar für bisher geleistete Lieferungen.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Russland

5 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-02-24 18:41:06



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Der Aufschwung ist nur eine Blase"
  2. Trippelschritte statt Meilensteinen
  3. Front gegen Brüssel
  4. Nigel Farage sieht Comeback-Chance
  5. Sorge um griechische Kreditfähigkeit
Meistkommentiert
  1. Distanz in Nebensätzen
  2. Kurz besucht Berlin - "taz" kommentiert mit Biss
  3. Merkel über Einfluss der FPÖ auf Geheimdienste besorgt
  4. Türkei bombadiert Kurden in Syrien
  5. "Der Aufschwung ist nur eine Blase"

Werbung




Werbung


Werbung