• vom 12.01.2015, 19:30 Uhr

Europastaaten


Trauermarsch

Der ungebetene Gast




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  • Israels Premier Benjamin Netanyahu lud sich selbst zum Trauermarsch in Paris ein.
  • Seine Aufforderung an Frankreichs Juden auszuwandern, könnte auf offene Ohren stoßen.

Ganz nahe beieinander standen beim Trauermarsch in Paris Netanyahu (ganz links) und Abbas (ganz rechts). Doch dass bedeutete nicht, dass sich die beiden Politiker im Nahostkonflikt annähern. - © apa/epa/Philippe Wojazer/Pool

Ganz nahe beieinander standen beim Trauermarsch in Paris Netanyahu (ganz links) und Abbas (ganz rechts). Doch dass bedeutete nicht, dass sich die beiden Politiker im Nahostkonflikt annähern. © apa/epa/Philippe Wojazer/Pool

Paris/Wien. (klh/apa/afp) Es war ein Bild mit hohem Symbolcharakter: Nicht einmal drei Meter voneinander entfernt standen Israels Premier Benjamin Netanyahu und Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas beim Trauermarsch zum Gedenken der Terroropfer in Paris. Und sofort gingen die Spekulationen los, ob damit auch eine Annäherung im Nahostkonflikt einherginge.

Dabei wollte Frankreichs Präsident François Hollande offenbar so ein Gerede - das ohnehin nur am Rande stattfand, großes Thema war das beeindruckende Bekenntnis der Millionen Demonstranten zu den Werten der französischen Republik - vermeiden. Denn laut israelischen Medien, die sich auf Regierungskreise berufen, wollte Hollande zunächst gar nicht, dass Netanyahu nach Paris kommt - damit eben nicht der Nahostkonflikt oder die Beziehungen zwischen Juden und Muslimen den Trauerzug dominieren.


Netanyahu soll zunächst auch kein Problem mit dem französischen Ansinnen gehabt haben. Doch dann wurde bekannt gegeben, dass sein Außenminister Avigdor Lieberman und Wirtschaftsminister Naftali Bennett in Paris dabei sein würden. Daraufhin teilte Netanyahu offenbar Paris mit, dass er doch komme - und lud sich kurzerhand selbst ein. Grund für dieses forsche Verhalten sei der derzeitige Wahlkampf in Israel, mutmaßten israelische Medien. Verärgert über Netanyahus Kommen, habe das französische Präsidialamt schließlich auch Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas eingeladen.

Viele Juden haben Angst
Und auch die Aussagen, die Netanyahu tätigte, dürften bei Frankreichs Regierung wenig Freude ausgelöst haben. Israels Premier rief die europäischen Juden, und dabei insbesondere seine Glaubensbrüder in Frankreich, zur Auswanderung auf. "Israel ist eure Heimstatt", sagte er.

Dem versuchte der französische Premier Manuel Valls gleich etwas entgegenzusetzen - nämlich bei einer Demonstration vor dem koscheren Supermarkt, in dem der Islamist Amedy Coulibaly vier Juden tötete.

"Indem man die Juden angreift, greift man Frankreichs Fundament, unser Zusammenleben, an", sagte der Minister. Und fügte gleich hinzu: "Wir brauchen die Juden." Denn ohne sie sei sie die französische Republik nicht vorstellbar.

Tatsächlich bemüht sich die französische Regierung, den Juden im Land mehr Sicherheit zu geben. So sind jüdischen Einrichtungen extra Schutzmaßnahmen zugesichert worden. Vor Schulen und Synagogen wird nun notfalls auch die Armee postiert.

Dass solche Maßnahmen überhaupt notwendig sind, verstärkt bei vielen Juden in Frankreich aber nochmals die Angst. Und die ist in den letzten Jahren ohnehin schon gestiegen. Denn der Angriff auf den Supermarkt am Freitag reiht sich ein in eine Serie von antisemitischen Gewaltakten - etwa der Tod von Ilan Halimi, der 2006 verschleppt und drei Wochen lang gefoltert wurde, oder die Erschießung von drei Schülern und einem Lehrer vor der jüdischen Schule von Toulouse im März 2012. Und dann sind da noch die kleineren Übergriffe im Alltag - dass Kippaträger auf offener Straße bespuckt und geohrfeigt oder jüdische Geschäfte verwüstet werden. Vor allem bei radikalisierten Jugendlichen aus den Problemvierten scheinen Islamismus, Gewaltverherrlichung und Antisemitismus Hand in Hand zu gehen.

Nach Angaben der jüdischen Selbstverteidigungsgruppe SPCJ stieg die Zahl antisemitischer Übergriffe in Frankreich in den ersten sieben Monaten des abgelaufenen Jahres um 93 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Folge blieb nicht aus: Im vergangenen Jahr verdoppelte sich die Zahl jüdischer Auswanderer nach Israel auf 6600, womit Frankreich erstmals seit der Staatsgründung 1948 das wichtigste Herkunftsland israelischer Neubürger war. Da spielt zwar auch die Wirtschaftskrise mit hinein, doch immer mehr Auswanderer nennen die Angst vor Gewalt als ihre Hauptmotivation.

Der nächste Auswanderer
Auswandern will nun auch der Besitzer des überfallenen Koscher-Supermarktes. Das berichtet dessen Bruder der "Bild"-Zeitung: "Er hat mir direkt nach dem Anschlag gesagt: Ich habe nur knapp überlebt, so viele meiner Angestellten und Kunden sind getötet worden. Ich kann nicht länger in Paris bleiben, sondern werde nach Israel gehen", sagte Joel Oualid.




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Dokument erstellt am 2015-01-12 18:32:08
Letzte ńnderung am 2015-01-12 18:42:03



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