• vom 13.01.2015, 17:54 Uhr

Europastaaten


Studie

Gefährliche Kombination




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  • Religiöser Fundamentalismus gepaart mit Misstrauen und Angst vor der eigenen Auslöschung mündet im Extremfall in Terrorismus. Anfällig sind laut Studie vor allem die sozial Deklassierten.



Wien/Berlin. (apa) Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung zeigt: Wer zu den sozial Ausgestoßenen zählt, ist überproportional für Fundamentalismus anfällig. Außerdem wird klar, dass die Fundamentalismus-Werte in Österreich außerordentlich hoch sind. Generell tendieren mehr Muslime als Christen zu religiösem Fundamentalismus. Der Autor der Studie, Ruud Koopmans, betont, dass feindselige Einstellungen gegenüber anderen Gruppen nicht mit dem Wunsch, physische Gewalt anzuwenden, gleichgesetzt werden können.

Trauriger Spitzenreiter
Koopmans hat gleichlautende Umfragen zum Thema "Religiöser Fundamentalismus und Feindseligkeit gegenüber anderen Gruppen unter Muslimen und Christen in Westeuropa" mit rund 9000 Befragten ausgewertet. Die Umfragen wurden in Österreich, Deutschland, Frankreich, Belgien, Schweden und den Niederlanden durchgeführt, die Befragten haben türkischen oder marokkanischen Hintergrund - weil diese in den einzelnen Ländern große Anteile der Muslime repräsentieren. Drei Merkmale für eine Tendenz zum Fundamentalismus wurden in Statements umgewandelt, zu denen die Zustimmung erfragt wurde: "Christen/Muslime sollten zu den Wurzeln des Christentums/Islam zurückkehren", "Es gibt nur eine Interpretation der Bibel/des Koran, und jeder Christ/Moslem muss sich an sie halten" sowie "Die Gebote der Bibel/des Koran sind für mich wichtiger als die Gesetze (des jeweiligen Landes)". Dazu die Ergebnisse: Allen drei Fundamentalismus-Aussagen stimmten in Österreich mehr als 55 Prozent der befragten Muslime zu, das war der höchste Wert (siehe Grafik unten). Unter den Christen ist Fundamentalismus kein Fremdwort, allerdings auf niedrigerem Niveau. Allen drei Punkten stimmten 4,4 Prozent der befragten Österreicher aus dieser Gruppe zu, im traditionell laizistischen Frankreich sind es sogar nur 2,5 Prozent.

Minarett in Telfs/Tirol: Österreichs Muslime denken laut Studie im europäischen Vergleich besonders fundamentalistisch.

Minarett in Telfs/Tirol: Österreichs Muslime denken laut Studie im europäischen Vergleich besonders fundamentalistisch.© apa Minarett in Telfs/Tirol: Österreichs Muslime denken laut Studie im europäischen Vergleich besonders fundamentalistisch.© apa

Interessant ist, dass Muslime der "zweiten Generation" kaum weniger fundamentalistischer denken als ihre Eltern. Sunniten aus der Türkei stimmten zu 45 Prozent allen drei Statements zu, Marokkaner zu 50 Prozent, alevitische Türken nur zu 15 Prozent.


Eine der Kernaussagen der Studie ist, dass sich die bestimmenden Faktoren für eine Tendenz zum religiösen Fundamentalismus aus der sozialen Situation der Betroffenen ergeben. Koopmanns: "Jene, die beschäftigungslos sind, einen niedrigen Job-Status haben, weniger Bildung aufweisen und in Mietwohnungen leben, zeigen höhere Werte in Sachen Fundamentalismus. Diese Effekte sind aber nicht sehr groß. Die wichtigste sozio-ökonomische Variable ist die Bildung." Koopmans weiter: "Die Ergebnisse zeigen sowohl für Christen wie auch für Muslime, dass die Tendenz zum Fundamentalismus mit einem höheren sozio-ökonomischen Status abnimmt, hier stärker unter den Muslimen.

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Dokument erstellt am 2015-01-13 17:59:10



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