• vom 24.04.2015, 16:48 Uhr

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Update: 19.08.2015, 14:14 Uhr

Genozid

"So funktioniert Geschichtsforschung nicht"




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  • Experten-Absage an Ankaras Wunsch nach Historikerkommission.

Wien. Keinen Sinn sieht der Schweizer Historiker Dominik J. Schaller in der Forderung der Türkei, zur Beurteilung der Massaker an den Armeniern vor 100 Jahren eine Historikerkommission einzusetzen. "Geschichte kann nicht verhandelt werden, sie muss erforscht werden", sagte Schaller am Donnerstagabend in Wien.

"Was sollte eine solche Kommission bewirken? Einen politischen Kompromiss zu finden? So funktioniert Geschichtsforschung nicht", erklärte der Schweizer Genozidforscher, der an der Universität Heidelberg lehrt.

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In seinem Vortrag ging Schaller der Frage nach, warum sich die Türkei immer noch gegen den Tatbestand des Völkermordes sträubt, der von Zeitzeugen ebenso wie von Historikern als erwiesen angesehen wird. "Die Türken spielen auf Zeit", meint Schaller. Er verwies auf den Umstand, dass es schon mehrere Ansätze zu Historikerkommissionen gab, die alle scheiterten. "Das ist eine Taktik."

Solche Kommissionen seien nur zur Erforschung spezifischer Kapitel sinnvoll und dürften keinen politischen Weisungen unterliegen. Vollständig erforscht sei auch der Holocaust an den Juden nicht. Zugang zu osmanischen Archiven gebe es für Historiker schon, erläuterte Schaller. Allerdings seien viele Akten vernichtet worden.

Der österreichische Armenien-Experte Martin Bitschnau ergänzte, zwei Mal seien die Osmanen-Archive gesäubert worden - 1919 im Zusammenhang mit Kriegsverbrecherprozessen gegen die für den Genozid verantwortlichen führenden Jungtürken und in den 80er Jahren im Auftrag von Staatspräsident Turgut Özal. Dies sei durch Zeugen belegt. Das Militärarchiv bleibe Historikern verschlossen.

Die erste Deportation fand im April 1915 statt, es kam zum armenischen Aufstand in Van. Ab 23./24. April wurde die Vernichtungspolitik systematisiert. Schaller zitierte Zeitzeugen, die über die Todesmärsche berichteten mit dem Ziel, die Armenier in der Wüste verhungern zu lassen. Die Opferzahl werde in verschiedenen Quellen mit 800.000 bis 1,3 Millionen angegeben.

100.000 bis 200.000 armenische Frauen und Kinder seien zwangskonvertiert und in muslimische Familien gezwungen worden. Zum Vergleich: 1914 habe der Anteil der Armenier im Osmanischen Reich fast 20 Prozent betragen, 2007 nur mehr 0,2 Prozent. Zusammenfassend meinte der Historiker, habe man früher von einem "vergessenen Völkermord" gesprochen, so sei die Armenier-Frage jetzt weltweit "ein Politikum" geworden. Er erinnerte daran, dass die Völkermord-Frage gerade für die Armenier in der Diaspora eng mit ihrer Identität verknüpft ist.




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Dokument erstellt am 2015-04-24 16:49:26
Letzte ─nderung am 2015-08-19 14:14:32



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