• vom 09.07.2015, 18:05 Uhr

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Update: 09.07.2015, 18:16 Uhr

Griechenland

"Die Menschen sterben deutlich früher"




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Von WZ-Korrespondent Frank Nordhausen

  • Die humanitäre Krise in Griechenland zeigt sich besonders deutlich im Gesundheitssystem.

Warten gehört zum Spitalsalltag: Oft sind die Aufnahmeschalter in den Ambulanzen stundenlang nicht besetzt. - © Christina Pfäffle

Warten gehört zum Spitalsalltag: Oft sind die Aufnahmeschalter in den Ambulanzen stundenlang nicht besetzt. © Christina Pfäffle

Athen. Für den Athener Kinderarzt Nikolaos Stergin hat der Tag vergleichsweise stressfrei begonnen: viele Patienten, doch keine schweren Fälle, Normalzustand. Vor ihm steht gerade ein schlanker Mann mit sorgfältig gestutztem Vollbart, Buci Agron, ein Albaner, der seit 1996 in Athen lebt. "Keine Krankenversicherung", sagt Agron, und der Arzt macht ein Kreuz im Formblatt. Agron verlor vor drei Jahren seine Arbeit als Tagelöhner auf dem Bau und damit auch die Versicherung, weil er nicht mehr einzahlen konnte. Sein zweieinhalbjähriger Sohn muss sich seit Tagen übergeben. "Wir werden den Kleinen noch ein paar Tage hierbehalten", sagt Nikolaos Stergin. "Erbrechen ist eine typische Sommerkrankheit, vermutlich ein Virus."

Wie viele Menschen in Griechenland hat auch Buci Agron keine Krankenversicherung. Doktor Stergin macht seine Arbeit trotzdem.

Wie viele Menschen in Griechenland hat auch Buci Agron keine Krankenversicherung. Doktor Stergin macht seine Arbeit trotzdem.© Christina Pfäffle Wie viele Menschen in Griechenland hat auch Buci Agron keine Krankenversicherung. Doktor Stergin macht seine Arbeit trotzdem.© Christina Pfäffle

Schwierig seien die Notfalldienste, wenn Hunderte von Leuten kämen, die wie Agron keine Krankenversicherung haben, sagt der agile, jugendlich wirkende 50-jährige Arzt. "Wir behandeln sie natürlich, aber wir sind darauf nicht eingerichtet." An diesem Tag rechnet Stergin mit rund 300 Kranken, im Winter steigt die Zahl bis auf 600 Kinder. "Wir können dann Patienten, die eine Krankenversicherung haben, nicht mehr angemessen versorgen", sagt er. Keine Versicherung haben inzwischen rund 40 Prozent der zehn Millionen Griechen, die meisten Einwanderer und Flüchtlinge ebenso. Sie können daher nur zu den Notfalldiensten kommen.

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33 Prozent weniger Gehalt
Stergin und seine 366 Kollegen arbeiten im staatlichen Hospital der Heiligen Sophia im Athener Norden, dem größten und modernsten Kinderkrankenhaus Südosteuropas. Der Kinderarzt spricht ein paar Worte Deutsch, denn er hat in Ulm studiert, bevor er vor 15 Jahren nach Athen zurückkehrte. "Unser Spital hier kann sich ohne weiteres mit den deutschen Standards messen", sagt er. "Wir haben ausgezeichnete Abteilungen für Allgemeinmedizin und alle Fachdisziplinen."

Das Agia-Sophia-Krankenhaus teilt sich die Bereitschaften mit der zweiten großen Kinderklinik Athens im Wechsel der Wochentage. Der 750-Betten-Klinik mit 1300 Angestellten geht es noch vergleichsweise gut. Sie hat ausreichend Medikamente im Lager und trotz angeordneter Entlassungen noch so viel Personal, dass es keine schweren Ausfälle gibt. Nikolaos Stergin macht jedoch zu schaffen, dass sein Gehalt in den vergangenen drei Jahren von 3000 auf 1700 Euro netto gekürzt wurde. "Ich habe zwei Kinder, ich bereue, dass ich Deutschland verlassen habe."

Um 33 Prozent hätten die Gehälter auf Befehl der Gläubiger in den letzten fünf Jahren gestutzt werden müssen, berichtet der Klinikmanager Emmanouil Papasavas, ein hochgewachsener energischer Mittdreißiger. Stolz führt er durch die einzelnen Abteilungen, die blitzsauber, ultramodern und mit ihren bunten Farben und vielen Spielzimmern sehr kindgerecht wirken. Es gibt die neuesten Dialyse-, Röntgen- und CT-Geräte. Dieses Krankenhaus mit seinem jährlichen 70-Millionen-Euro-Budget könnte auch in Deutschland oder Österreich stehen.

Wie ist das möglich? "Wir haben großzügige Sponsoren", erwidert Papasavas. "Weil wir Kinder betreuen, spenden die Leute." Nach dem Beginn der Krise gab die schwerreiche Reederin Marianna Vardinogiannis der Klinik eine 30-Millionen-Euro-Spende. "Wenn aber die Banken geschlossen bleiben, gibt es in ein bis zwei Wochen Probleme bei Medikamenten, die wir aus dem Ausland beziehen", sagt der Manager.

Die ungesponsorte Seite des griechischen Gesundheitssystems kann man in den staatlichen Krankenhäusern für Erwachsene erleben. Journalisten sind in diesen Einrichtungen nicht unbedingt willkommen. Die Foyers dieser Kliniken wirken trostlos und schäbig, die Fassaden renovierungsbedürftig, viele Informations- und Aufnahmeschalter sind nicht besetzt. Der Zustand des griechischen Gesundheitswesens hat nur noch wenig mit nordeuropäischen Standards zu tun, sondern erinnert eher an Entwicklungs- oder Schwellenländer. Wer eine Krankenversicherung oder Geld hat, kann sich behandeln lassen. Allen anderen bleibt nur die Notaufnahme.

Wie im Kriegsgebiet
Das Paradebeispiel für den schleichenden Kollaps des griechischen Gesundheitssystems ist die Evangelismos-Klinik im Athener Zentrum, ein Betonkoloss mit mehr als tausend Betten, das größte Krankenhaus des Balkans. Hier drängen sich so viele Menschen in der Notaufnahme, dass kaum ein Durchkommen ist. Im Flur sieht es aus wie in einem Kriegsgebiet, dort stehen Krankenbetten dicht an dicht, weil in den Behandlungszimmern kein Platz mehr ist. Ein 30-jähriger kräftiger Maurer hat ein Nervenleiden, das seine rechte Körperhälfte lähmt. "Wir sind nicht versichert, können die Medizin nicht selbst bezahlen, wir brauchen die Hilfe der Klinik. So hangeln wir uns von Tag zu Tag", sagt seine Frau.

Die Angehörigen putzen
Im Freien vor dem Krebstrakt warten zwei Frauen und rauchen. Sie betreuen ihre an Leukämie leidende Schwiegermutter und Mutter. "Ohne uns wären sie verloren", sagt die 50-jährige Maria Kapatos, deren greise Schwiegermutter gerade im Krankenhaus eine Blutwäsche erhält. "Das Krankenhaus hat zu wenig Personal, um sich um die Patienten zu kümmern. Das müssen die Angehörigen übernehmen." Beide Frauen leben seit einer Woche mit ihren Verwandten in der Klinik. Sie klagen auch über mangelnde Sauberkeit. "Für die gesamte Leukämie-Abteilung gibt es nur eine Toilette", sagt Maria Kapatos. "Die ist so verdreckt, das müssten Sie mal sehen. Eklig ist das." Sie hat jetzt selbst Putzmittel gekauft.

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Dokument erstellt am 2015-07-09 18:08:07
Letzte nderung am 2015-07-09 18:16:29



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