• vom 22.07.2015, 14:57 Uhr

Europastaaten

Update: 22.07.2015, 19:00 Uhr

Ukraine

Eigene Wahrheit als Gegengift




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ-Korrespondentin Simone Brunner

  • Der ukrainischen Vizeminister für Informationspolitik im Interview über sein umstrittenes Ministerium.

Masken überall: Waren Revolutionäre wie Separatisten verschleiert, so ist auch der Ursprung vieler Meldungen über die Ukraine unklar.

Masken überall: Waren Revolutionäre wie Separatisten verschleiert, so ist auch der Ursprung vieler Meldungen über die Ukraine unklar.© reuters Masken überall: Waren Revolutionäre wie Separatisten verschleiert, so ist auch der Ursprung vieler Meldungen über die Ukraine unklar.© reuters

Kiew. Der Konflikt in der Ostukraine wird nicht zuletzt auch in den Medien ausgetragen. Während der russischen Führung vorgeworfen wird, durch staatsnahe Medien gezielt Falschinformationen zu verbreiten und gegen die ukrainische Führung zu hetzen ("faschistische Junta"), hat Kiew im vergangenen Dezember ein "Ministerium für Informationspolitik" gegründet. Die Gründung wurde von scharfer Kritik begleitet, das Ministerium von Journalisten und Aktivisten als "Wahrheitsministerium" (nach dem Roman "1984" von George Orwell) verspottet. "Das ist keine Strategie, um Propaganda zu bekämpfen", kritisierte auch Dunja Mijatovic, OSZE-Beauftragte für Medienfreiheit. Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem Vize-Minister Artjom Bidenko darüber, was die Ziele und Funktionen des umstrittenen Ministeriums nun sind.

"Wiener Zeitung": Herr Vize-Minister, zuletzt habe ich in der Südukraine ein Graffiti gesehen: "Die Kraft der Ukraine liegt in der Wahrheit." Sehen Sie das auch so?

Information

Zur Person
Artjom  Bidenko (geb. 1981) ist seit Februar Vize-Minister für Informationspolitik, dabei verantwortlich für das Projekt "Informationsarmee". Zuvor war der studierte Politologe in der Werbebranche tätig.


Artjom Bidenko: Unser Motto lautet: Die beste Gegenpropaganda ist die Wahrheit. Im Spanischen bedeutet "Propaganda" eigentlich "Werbung", aber seit dem Zweiten Weltkrieg ist das Wort sehr negativ aufgeladen. Wir sind aber überzeugt, dass Gegen-Propaganda auch heißt, Fake-News zu entlarven, indem man die Wahrheit sagt.

Wir wissen aber auch, dass das, was eine Regierung respektive ein Informationsministerium sagt, nicht immer zwangsläufig die Wahrheit ist.

Die Ukraine befindet sich in einer Krisen-Situation. Die bestehenden Strukturen sind dem nicht gewachsen. Eine Art Informationsministerium gab es etwa 1917 in den USA oder zur Zeit des Zweiten Weltkrieges in Großbritannien.

Aber ist das in Zeiten des Internets nicht ein Anachronismus?

Wir müssen klar unterscheiden zwischen Informationen, die Journalisten verbreiten, und Informationen, die staatliche Organe verbreiten. Bei Letzterem muss man sagen: Da sind die ukrainischen Behörden noch im vergangenen Jahrhundert.

Ist das Informationsministerium also einfach so etwas wie eine große Pressestelle für den Staat?

Ja, das ist eine Funktion. Die zweite Funktion ist es, die Informationen der staatlichen Organe zu koordinieren. Und dann gibt es noch die Konzeption der Gegen-Propaganda. Wir machen keine Zensur, wir sagen den Journalisten nicht, was sie schreiben sollen und was nicht. Davor hatten ja alle Angst. Wir kümmern uns nur um die staatliche Kommunikation.

Laut Minister Juri Stez geht es um den "Kampf um die Gehirne"...

Nehmen wir Slawjansk (Stadt im Donbass, die im Sommer 2014 wieder von den Regierungstruppen eingenommen wurden, Anm.). Dort wurde der Fernsehturm vom Strom gekappt. Dabei geht es aber nicht einfach um einen Fernsehturm, sondern um die Sicherheit des Landes. Wir sorgen dafür, dass dort die (ukrainischen) TV-Sender wieder empfangen werden. Oder Mariupol (ukrainisch kontrollierte Stadt nahe der Front, Anm.). Es gibt dort keine ukrainischen Informationen. Wir suchen eine Finanzierungsquelle, um Flugblätter zu drucken und zu verteilen.

Im Februar wurde zudem das Projekt "Informationsarmee" gegründet als Antwort auf die so genannten russischen "Trollfabriken", also Blogger und Kommentatoren, die gegen Bezahlung in sozialen Medien die russische Sicht der Dinge verbreiten. Was steckt dahinter?

Täglich analysiert unsere Monitoring-Gruppe, welche News in Russland laufen. Wir suchen zu diesen Informationen offizielle Statements. Die russische Meldung lautet etwa: Kanada unterstützt die Ukraine nicht mehr. Wir schreiben: Der Premierminister von Kanada hat gesagt, dass er die Ukraine sehr wohl unterstützt. Wir verbreiten diese Info an unsere 40.000 Abonnenten - unsere Informationskrieger -, die das dann über die sozialen Medien weiterleiten. Insgesamt erhalten so täglich rund eine Million Leser die Information, was Fake und Wahrheit ist. Wir sind wie ein Medium, ein Newsletter - nicht mehr.

Auf der Homepage sieht das alles sehr martialisch aus: Im Hintergrund ein Trümmerfeld, davor ein Button: Tritt in die ukrainische Informationsarmee ein. Ist das nicht einfach dasselbe wie die viel kritisierten russischen Trolle?

Nein, sie werden nicht bezahlt und sind auch keine Mitarbeiter des Ministeriums, sondern nur Leser. Es beruht auf Freiwilligkeit, es gibt keine Verpflichtungen. Wir können nur asymmetrisch auf die russischen Trolle reagieren. Möglicherweise investiert der Kreml Millionen dafür. Wir haben aber diese Mittel nicht und können nur eine Struktur für Freiwillige schaffen. Die Menschen machen das, weil sie Patrioten sind und eine bestimmte Information weiter verbreiten wollen.

Wer über die Ukraine-Krise berichtet, ist mit einer Flut an negativen Reaktionen im Netz konfrontiert. Zuletzt sind aber auch immer mehr pro-ukrainische Kommentare bemerkbar, die teilweise auch sehr aggressiv sind. Wenn das die Informationskrieger sind - dann bin ich mir nicht sicher, ob das der Ukraine wirklich hilft.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-07-22 15:02:06
Letzte nderung am 2015-07-22 19:00:56



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Weitere Berichte über schwere sexuelle Belästigung
  2. Schon droht Ärger mit der AfD
  3. Der beschädigte Wahlgewinner
  4. Ochsenschwanzsuppe ohne Ochsenschwanz
  5. Die Zeit vor dem Sturm
Meistkommentiert
  1. "Ein Kasperl Straches"
  2. "Ich möchte nicht in seiner Haut stecken"
  3. EU fordert Sanktionen bei Flüchtlingsverteilung
  4. Rechtsruck in Tschechien
  5. Madrid leitet Entmachtung ein

Werbung




Werbung


Werbung