• vom 16.07.2016, 16:54 Uhr

Europastaaten

Update: 01.08.2016, 19:21 Uhr

Nizza-Anschlag

Minister hält schnelle Radikalisierung des Nizza-Täters für möglich




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Von WZ Online, APA, dpa, Reuters, AFP

  • 31-Jähriger hatte massive psychische Probleme - Islamischer Staat bekannte sich zum Anschlag.

Nizza. Der Attentäter von Nizza soll ein "Soldat" der Terrororganisation "Islamischer Staat" gewesen sein. Das verbreitet zumindest eine der Terrormiliz nahestehende Nachrichtenagentur Amaq am Samstag im Internet. Die Echtheit der Erklärung ließ sich nicht unabhängig überprüfen. Womöglich habe sich der zuvor unauffällige Mann sehr schnell radikalisiert, glaubt man in Paris.

Der Angriff sei eine Folge des IS-Aufrufs, Angehörige der Anti-IS-Koalition anzugreifen, berichtete Amaq weiter. Auch der IS-Radiosender Al-Bajan verbreitete am Samstag die Nachricht und drohte westlichen Staaten mit weiteren Anschlägen.

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Die französischen Behörden hatten zunächst keine Hinweise, dass der 31 Jahre alte Lieferant Mohamed Lahouaiej-Bouhlel in Verbindung mit Islamisten stand. Innenminister Bernard Cazeneuve sagte aber am Samstag, er könne sich sehr schnell radikalisiert haben. Menschen, die für die Botschaften des IS zugänglich seien, ließen sich für extrem brutale Aktionen gewinnen, ohne unbedingt dafür ausgebildet worden zu sein, sagte Cazeneuve laut der französischen Nachrichtenagentur AFP am Samstag.

Festnahmen aus dem Umfeld des Täters

Am Samstag wurden drei weitere Personen in Nizza festgenommen. Sie gehörten zum engen Umfeld des Attentäters. Ein Reuters-Reporter beobachtete, wie etwa 40 Elite-Polizisten ein kleines Appartement in der Nähe des Bahnhofs stürmten. Dort wurde eine Person verhaftet. Am Freitag waren bereits zwei Menschen in Gewahrsam genommen worden, darunter die Frau des Attentäters.

Der Tunesier war während des Feuerwerks zum französischen Nationalfeiertag am Donnerstagabend mit einem Lastwagen in die Menge auf der Uferstraße Promenade des Anglais in Nizza gerast. Mindestens 84 Menschen starben, über 200 wurden verletzt. 16 Todesopfer konnten bis Samstag nicht identifiziert werden.

Die Straße war zwar während der Feiern von Streifenwagen der Polizei blockiert. Der Mann sei mit seinem gemieteten 19-Tonnen-Lastwagen aber einfach über den Gehsteig gefahren, teilte die Präfektur des Departments Alpes-Maritime am Samstag mit. Am Steuer beschleunigte der Mann dann und fuhr Zick-Zack, um möglichst viele Menschen zu treffen. Nach rund zwei Kilometern wurde er von der Polizei erschossen. Zwischen dem Eindringen in die Zone und dem Ende der Fahrt sollen nur 45 Sekunden vergangen sein.

Amoklauf oder Terrorakt?

Ein Schweizer Forschungsinstitut widersprach am Samstag einer Einstufung der Tat als Terrorismus. Es handle sich um einen Amoklauf, schrieb das Basel Institute of Commons and Economics. "Die zahlreichen Amokläufe von europäischen und US-Bürgern in den USA, Frankreich und Belgien sind keine Taten des "internationalen Terrorismus", sondern Einzeltaten ohne eine konkrete politische Forderung oder ein politisches Ziel", schrieb das Institut. Die Erhebung von "tragischen Amokläufen" zu politischen Taten ermuntere Nachahmer.

In ganz Frankreich begann am Samstag eine dreitägige Staatstrauer. Präsident Francois Hollande beriet mit seinem Sicherheitskabinett. Am Montagmittag soll es eine Schweigeminute geben. Seinen Österreich-Besuch, der für Mittwoch geplant war, sagte Hollande indes ab.

Schwester berichtet von Therapie

Nach Angaben seiner Familie war der Tunesier schon vor seiner Bluttat gewalttätig gewesen. "Er schlug seine Frau, also meine Cousine, er war ein Mistkerl", berichtete ein Familienmitglied der britischen Zeitung "Daily Mail". "Er trank Alkohol, er aß Schweinefleisch und er nahm Drogen." Der 31-Jährige sei kein Muslim gewesen. Bereits zuvor hatte der Vater berichtet, dass sein Sohn früher wegen psychischer Probleme ärztlich behandelt worden sei. Die Schwester des Attentäters sagte Reuters: "Mein Bruder hat psychische Probleme gehabt, und wir haben der Polizei Dokumente übergeben, die zeigen, dass er für mehrere Jahre bei Psychologen in Behandlung war." Dies sei in der Zeit vor 2005 gewesen, als er Tunesien verließ und nach Frankreich zog.

Frankreich steht seit längerem im Fadenkreuz von Extremisten. Allein seit Anfang 2015 gab es drei große Anschläge, im November kamen in Paris bei fast zeitgleichen Angriffen von Bewaffneten 130 Menschen ums Leben. Die Regierung hat den Ausnahmezustand ausgerufen und diesen wegen der Ereignisse in Nizza gerade um drei Monate verlängert.




Schlagwörter

Nizza-Anschlag, Frankreich, IS, Nizza, Daesh

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Dokument erstellt am 2016-07-16 10:02:48
Letzte nderung am 2016-08-01 19:21:32



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