• vom 05.09.2016, 11:53 Uhr

Europastaaten

Update: 07.09.2016, 15:55 Uhr

Ephesos

Österreichische Grabungen wegen Spannungen beendet




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Von WZ Online, APA

  • Stopp auf Anordnung des türkischen Außenministeriums. Mitterlehner sieht die "Freiheit der Wissenschaft weiter eingeschränkt".

Wien/Ephesos. Archäologen aus Österreich haben ihre Arbeit in der antiken Westküstenstadt Ephesos einstellen müssen. Auf Anordnung des türkischen Außenministeriums mussten die Wissenschafter ihre Grabungen beenden, wie die Nachrichtenagentur Dogan am Sonntag meldete. Grund dafür seien die Spannungen zwischen Wien und Ankara. Die österreichischen Grabungen in Ephesos haben eine über 120-jährige Geschichte.

Wissenschaftsminister Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) stellte am Abend in einer Stellungnahme fest: "Ich bedaure diese Entscheidung sehr, weil sie Politik und Wissenschaft vermischt und im Widerspruch zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit steht, die wir über viele Jahre in Ephesos gepflegt haben. Mit diesem Schritt wird die Freiheit der Wissenschaft weiter eingeschränkt."

Die Ausgrabungsarbeiten seien am 31. August beendet worden, und damit zwei Monate vor dem regulären Ablauf des Projektes, hieß es aus der Türkei. Zwischen Ankara und Wien gibt es seit Wochen Missstimmung. Nachdem der österreichische Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) einen Abbruch der EU-Beitrittsgespräche gefordert hatte, gab es heftige Kritik aus Ankara. Im August wurde der türkische Botschafter aus Wien zurückgerufen.

 Ladstätter: "Fassungslosigkeit" in Wissenschaftscommunity

Mit "Fassungslosigkeit und großer Empathie" sei die vom türkischen Außenministerium angeordnete vorzeitige Einstellung der archäologischen Arbeiten in Ephesos aufgenommen worden, erklärte die Leiterin der österreichischen Grabungen in der antiken Stadt, Sabine Ladstätter. Der Schritt wird auch von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) bedauert. Angesichts der langen Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Österreich in Ephesos sei es der ÖAW "ein wichtiges Anliegen, diesen für alle Seiten gewinnbringenden internationalen wissenschaftlichen Austausch auch in Zukunft weiterzuführen", erklärte ÖAW-Präsident Anton Zeilinger in einer Aussendung. Das für die Grabung zuständige Österreichische Archäologische Institut (ÖAI) ist eine Einrichtung der ÖAW.

"Wir sind mit allen Beteiligten im Gespräch, um die Grabungsarbeiten in Ephesos im kommenden Jahr fortsetzen zu können und ich bin zuversichtlich, dass wir eine gemeinsame Lösung finden", sagte ÖAI-Direktorin Ladstätter. Die österreichischen Archäologen müssen jährlich die Grabungslizenz in Ephesos in der Türkei beantragen. Bevor dies gegen Ende des Jahres wieder geschehen könne, müsse die Angelegenheit "natürlich im Vorfeld politisch gelöst werden", sagte Ladstätter. Nachdem die Anordnung zur Einstellung vom türkischen Außenministerium gekommen sei, müsse man das Gespräch sicher auf dieser Ebene suchen.

"Emotional sehr schwierig"

Die vergangenen Tage seien für sie "emotional sehr schwierig" gewesen, sagte Ladstätter. Sie hätten aber auch gezeigt, "wie stark das Grabungsteam hier integriert ist und dass mein Weg der intensiven Zusammenarbeit türkischer und österreichischer Kollegen auf einer internationalen Basis der richtige ist". Diesen Weg müsse man weitergehen und nun "einfach Durchtauchen".

Rund ein Dutzend Mitarbeiter des ÖAI sowie Forscher aus anderen Ländern, die in Ephesos tätig sind, seien von der Entscheidung betroffen und haben laut Akademie die Heimreise angetreten. "Durch das nahe Saisonende halten sich die Auswirkungen in Grenzen", sagte Ladstätter.

Mit Ende August hätten ohnehin alle Grabungen aufgehört. Weil es dafür im Sommer zu heiß und zu trocken sei, würden aber im Herbst üblicherweise die Restaurierungsprojekte einsetzen. Ladstätter will deshalb nun alles versuchen, dass alle notwendigen Schutzmaßnahmen für die Ruine getroffen werden, "damit die Monumente, die gerade in Bearbeitung sind, über den Winter kommen".

UNESCO-Weltkulturerbe

Die österreichischen Ausgrabungen in Ephesos finden seit 1895 statt. Es handelt sich aber nicht mehr um ein rein österreichisches Unterfangen, beteiligen sich doch mittlerweile alljährlich um die 250 Wissenschafter aus 18 bis 20 Ländern. Die UN-Kulturorganisation UNESCO hatte die Ausgrabungsstätte Ephesos (Türkei) 2015 in die Welterbeliste aufgenommen. Die antike Stadt blickt auf eine 9.000-jährige Geschichte zurück. Die Grabungsleiterin und Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖÄI) Sabine Ladstätter hatte die Aufnahme in das UNESCO-Welterbe damals gegenüber der APA als den "wohl wichtigsten Tag der Grabung Ephesos" bezeichnet

Die UNESCO bezeichnete Ephesos als ein "herausragendes Beispiel für eine von Umweltfaktoren geprägten Siedlungslandschaft und außergewöhnliches Zeugnis der kulturellen Traditionen der hellenistischen, römischen, christlichen und türkischen Zeit". Die heute wieder sichtbaren Baudenkmäler seien einzigartig in ihrem historischen Kontext, ihrer künstlerischen Verarbeitung und ihrer Bedeutung als wissenschaftliche Quelle.

Ephesos war eine der bedeutendsten Städte des Altertums, die sich rühmen konnte, mit dem Heiligtum der Artemis eines der Sieben Weltwunder der Antike zu besitzen. Neben dem Artemistempel zählen die Celsusbibliothek, die "Hanghäuser" genannten antiken Luxuswohnungen, die Kirche der Gottesmutter Maria und die Johannesbasilika zu den bekanntesten Bauwerken von Ephesos.

Jährlich zwei Millionen Besucher

Dass der Ort im 20. Jahrhundert wie der Phönix aus der Asche wiedererstehen konnte und mittlerweile jährlich mehr als zwei Millionen Besucher anzieht, verdankt er österreichischen Archäologen, die eben seit 1895 in Ephesos graben. Dank zahlreicher wieder errichteter Bauten vermittelt die Ausgrabung den Besuchern das Flair einer antiken Großstadt.

Im November 2015 vermeldeten die Archäologen eine "kleine Sensation": Im Zuge von Sicherungsarbeiten zum Schutz von archäologischen Ausgrabungsstätten entdeckten sie eine Schankstube aus dem frühen 7. Jahrhundert, die zahlreiche Einblicke in das damalige Alltagsleben erlaube.

Bereits zuvor hatten sie in einer Schicht im Tempel der Artemis in Ephesos (Türkei) aus dem frühen 6. Jahrhundert vor Christus ein Fragment einer Darstellung der "Herrin der Tiere" gefunden, die mit der Namensgeberin des Heiligtums gleichgesetzt werden kann. Bei der nur 3,6 Zentimeter hohen Figur handle es sich um einen "spektakulären Fund", so das Österreichische Archäologische Institut (ÖAI).

Angespannte Situation

Nach dem versuchten Militärputsch in der Türkei Mitte Juli war es vorerst zu keinen Behinderungen bei den Ausgrabungen in Ephesos gekommen. Die Entwicklungen wurden in den Teams, denen auch viele türkische Forscher angehörten, aber aufmerksam registriert. "Natürlich ist man in so einer Situation sehr angespannt", sagte Ladstätter damals zur APA. Im Interview mit dem "Kurier" erzählte Ladstätter kurz nach dem Putschversuch, sie wolle die wissenschaftlichen Arbeiten abschließen und die Grabung - wie geplant - Ende September beenden. "Schließlich sind Dissertationen im Laufen. Es ist mir ein Anliegen, dass die Leute ihre Abschlüsse machen können, so die Sicherheit gewährleistet ist."

Zuletzt suchte die Türkei offenbar auch in Österreich intensiv nach Anhängern des Netzwerkes um den im US-Exil lebenden Prediger Fethullah Gülen, der für die Planung des Putsches verantwortlich gemacht wird. Das Justizministerium meldete einen "massiven Anstieg bei den Personenfahndungen nach Straftätern" seitens der türkischen Behörden seit dem missglückten Putschversuch Mitte Juli.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-05 11:55:03
Letzte nderung am 2016-09-07 15:55:29



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