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Update: 20.09.2016, 10:35 Uhr

Rumänien

Die letzten Siebenbürger Sachsen




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Von Maria Harmer

  • Siebenbürgen ist ein multikultureller Teil Rumäniens. Doch eine Bevölkerungsgruppe verschwindet zusehends: die Siebenbürger Sachsen. Ein Besuch bei einer untergehenden Kultur.

Traditionelle Karnevalsfeier der Siebenbürger Sachsen. Immer wieder wird versucht, alte Traditionen wiederzubeleben. Doch die Deutschsprachigen, sie ziehen weg.

Traditionelle Karnevalsfeier der Siebenbürger Sachsen. Immer wieder wird versucht, alte Traditionen wiederzubeleben. Doch die Deutschsprachigen, sie ziehen weg.© reuters/Bogdan Cristel Traditionelle Karnevalsfeier der Siebenbürger Sachsen. Immer wieder wird versucht, alte Traditionen wiederzubeleben. Doch die Deutschsprachigen, sie ziehen weg.© reuters/Bogdan Cristel

Sibiu.Die Aussicht ist prachtvoll. Dabei war es eigentlich eine Strafe, in der Bastei zu sein. Sie diente als sogenanntes "Scheidungshaus", als "Ehegefängnis". Hier wurden Ehepaare, die sich stritten, eingesperrt und mussten so lange ein einziges Bett und einen Tisch gemeinsam benutzen, bis sie versprachen, sich in Zukunft zu vertragen und herausgelassen wurden. In 400 Jahren - so erzählt Andrea Fröhlich auf Deutsch mit starkem siebenbürger-sächsischen Akzent - sei es in Biertan nur ein einziges Mal zu einer Trennung gekommen.

Biertan ist der rumänische Name der Kirchenburg und der Ortschaft, die deutschsprachige Bevölkerung sagt Birthälm und die ungarische Berethalom. Siebenbürgen ist ein multiethnischer und auch ein multireligiöser Teil Rumäniens.

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In Biertan steht eine der bedeutendsten und größten der 150 Wehrkirchen und Kirchenburgen Siebenbürgens, die zur Verteidigung vor allem gegen Einfälle der Türken und Tataren diente. Der älteste Mauerring des Unesco-Weltkulturerbes wurde schon im 14. Jahrhundert erbaut. Die Silhouette der massiv befestigten Kirchenburg, die auf einem steilen Hügel inmitten des Ortes steht, ist weithin sichtbar.

Die Zusammensetzung der Ortsbevölkerung hat sich in den letzten Jahren massiv verändert: Bei der Volkszählung von 1930 hatte Biertan 2331 Einwohner, davon waren 1228 Siebenbürger Sachsen. Mittlerweile leben nur noch mehrere Dutzend in der Gemeinde. Andrea Fröhlich zählt zu jenen, die geblieben sind. "Meine Großmutter hat gesagt, nachdem sie den Krieg, die Vertreibung und die Zwangsarbeit in Russland überlebt und nachher hier in Biertan den Hof gerichtet hat, da geht sie nicht weg. Und so sind wir geblieben", erzählt Fröhlich, die für Besucher die Kirchenburg aufsperrt.

Allein zwischen Weihnachten 1989, nach der Revolution und dem gewaltsamen Tod des Diktators Nicolae Ceausescu, und Ostern 1990 verließen mehr als 100.000 Siebenbürger Sachsen Rumänien vor allem in Richtung Deutschland. "Da waren wir nur noch vier aus meiner Klasse in der deutschen Schule. Die wurde geschlossen und wir mussten dann in die rumänische gehen", erzählt die heute 34-jährige.

Dabei haben die Siebenbürger Sachsen eine jahrhundertealte Geschichte. 850 Jahre lang gab es rund um Sibiu (Hermannstadt) im heutigen Rumänien eine lebendige, deutschsprachige Gemeinde. Im Auftrag des ungarischen König Geza II. waren deutsche Siedler im 12. Jahrhundert entgegen ihrer Bezeichnung nicht aus Sachsen, sondern aus dem Gebiet zwischen Mosel und Mittelrhein bis zum Niederrhein und Flandern nach Siebenbürgen gezogen. Sie sollten die damals menschenleeren Gebiete bevölkern und die Grenzen gegen Einfälle der Mongolen sichern. Quasi im Gegenzug wurde ihnen Land gegeben sowie Steuerbefreiung und Rechtsprivilegien zugesichert.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-09-19 17:50:09
Letzte ─nderung am 2016-09-20 10:35:09



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