• vom 18.10.2016, 17:34 Uhr

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Update: 18.10.2016, 18:29 Uhr

Waffenstillstand

Die baskischen Wunden sind geblieben




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Von WZ-Korrespondent Manuel Meyer

  • Vor fünf Jahren beendete die Terrorgruppe ETA ihren Kampf für die Unabhängigkeit des Baskenlandes.

Schwerkranke ETA-Gefangene sollen nach Hause dürfen, fordern Demonstranten bei einem Protestzug in San Sebastián. - © reuters/Vincent West

Schwerkranke ETA-Gefangene sollen nach Hause dürfen, fordern Demonstranten bei einem Protestzug in San Sebastián. © reuters/Vincent West

San Sebastián/Bilbao. Ruhig schaukeln Segelboote in der Bucht von San Sebastián. Es ist ein sonniger Herbsttag. Familien, Pensionisten, verliebte Pärchen flanieren gemütlich über die Strandpromenade am Rande der Altstadt.

Auch viele Touristen füllen die Terrassen auf der Strandpromenade, genießen den Blick aufs Meer und die friedliche Idylle. Ganz normal, müsste man denken. Immerhin zählt das Küstenstädtchen im nordspanischen Baskenland mit seiner traumhaften Lage im Golf von Biskaya zu den schönsten Städten Spaniens. In diesem Jahr ist San Sebastián auch noch Europäische Kulturhauptstadt.

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Doch vor einigen Jahren waren Urlaubermassen wie heuer in San Sebastián gar nicht so normal. "Viele Ausländer, aber auch Spanier aus anderen Regionen, haben unsere Stadt wegen des ETA-Terrors gemieden", erzählt Bürgermeister Eneko Goia. Fast 830 Menschen fielen dem über 40 Jahre andauernden Kampf der Terrororganisation für die Unabhängigkeit des Baskenlandes von Spanien zum Opfer. Ihr Kommando in San Sebastián gehörte zu den blutigsten. Autobomben, Nackenschüsse und Entführungen waren keine Seltenheit.

Am 20. Oktober 2011, vor genau fünf Jahren, erklärten die Separatisten ihren "bewaffneten Kampf" jedoch endlich für beendet. Offiziell aufgelöst hat sich ETA aber noch nicht. Die heute friedliche Atmosphäre des Seebads täuscht also. "Der ETA-Terror, die Angst und die Spaltung der Gesellschaft in Separatisten und sich spanisch fühlenden Basken haben tiefe Wunden und Risse in der Bevölkerung hinterlassen, die noch lange nicht geschlossen sind", diagnostiziert María Silvestre, Soziologin an der Deusto-Universität in Bilbao.

Hört man Consuelo Ordóñez zu, versteht man schnell, was genau Silvestre meint. Die Sprecherin der Terror-Opfervereinigung Covite ärgert sich, dass wieder einmal viele Zeitungen über die jüngste Massendemo in San Sebastián berichtet haben. Tausende Menschen zogen vergangenen Samstag durch das Zentrum der 186.000 Einwohner-Stadt und protestieren für die Freilassung von kranken ETA-Häftlingen und die Zusammenlegung der ETA-Insassen in baskischen Gefängnissen. Lautstark klagten die Familienangehörigen der rund 390 immer noch inhaftierten Etarras, wie die ETA-Mitglieder genannt werden, für die Achtung der Menschenrechte ihrer "politischen Gefangenen".

"Eiskalte Mörder, Abschaum"



"Ich könnte bei solchen Szenen kotzen. Politische Gefangene? Das sind eiskalte Mörder, Abschaum", flucht Consuelo Ordóñez. Das Baskenland sei die einzige Region in Europa, in der Terroristen täglich auf den Straßen geehrt und Opfer marginalisiert würden. "Solange sich das nicht ändert, kann es keinen Frieden, keine Vergebung geben", sagt Ordóñez vehement. Vor zwanzig Jahren verlor sie ihren Bruder Gregorio. ETA-Terroristen erschossen ihn in San Sebastián auf offener Straße. Als Vizebürgermeister von San Sebastián und Abgeordneter der konservativen Volkspartei (PP) sprach er sich nicht nur gegen die Abspaltung der Region von Spanien aus, sondern verurteilte auch offen die Gewaltakte der ETA.

Für den damals noch jungen Borja Semper war die Hinrichtung von Ordóñez ein Schlüsselmoment: "Ich entschied mich damals, selber in die Politik zu gehen, um zu helfen, diesem Morden ein Ende zu setzen". Der Preis war hoch. Er war noch Student der Rechtswissenschaften, gerade einmal 19 Jahre alt, und konnte die Uni wegen seiner politischen Betätigung bei dem PP nur noch in Begleitung mit einem Bodyguard besuchen. Abends mit Kommilitonen und seinem Leibwächter auf ein Bier in die Altstadt zu gehen, war auch nicht leicht. Die Altstadt von San Sebastián war eine Hochburg der ETA. In Kneipen wurde Geld für die Terrorgruppe gesammelt. "Meine Freunde und Mitstudenten fühlten sich an der Seite einer Person, die Gefahr läuft, erschossen zu werden, logischerweise unwohl", erinnert sich Semper.

Heute vertritt der 39-jährige die konservative Volkspartei im baskischen Regionalparlament. Seitdem ETA die Waffen niedergelegte, "können wir unsere politische Meinung äußern, ohne Gefahr zu laufen, dafür ermordet zu werden". Zufrieden ist er dennoch nicht. "Die Gewalt hat zwar aufgehört und ich glaube nicht, dass die ETA wieder aktiv wird. Aber eine Aufarbeitung hat bisher kaum stattgefunden".

Soziologin Silvestre spricht sogar von einer Art Generalamnesie: "Nach so vielen Jahren des Schreckens, der Angst und der sozialen Spaltung in Separatisten und Nicht-Separatisten scheinen die Basken das dunkle Kapitel der ETA möglichst schnell vergessen zu wollen. Kaum jemand spricht noch darüber".

Dieses Verhalten sei zwar auf kurze Sicht verständlich, vielleicht sogar notwendig. Doch auf lange Sicht sei die fehlende Vergangenheitsbewältigung gefährlich, warnt die Soziologin. "Bevor die baskische Gesellschaft endlich ihren Frieden finden kann, muss die Vergangenheit aufgearbeitet werden, müssen die ehemals und teils immer noch verfeindeten Lager miteinander sprechen. Sonst verheilen die Wunden nur schlecht oder gar nicht." Die Regionalregierung ist sich dieser Situation durchaus bewusst. Die regierenden gemäßigten Nationalisten (PNV) ernannten in Absprache mit den anderen Parteien einen "Friedensbeauftragten". An öffentlichen Schulen lässt man Hinterbliebene von ETA-Opfern über ihre grausamen Erlebnisse berichten.

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Dokument erstellt am 2016-10-18 17:38:11
Letzte ─nderung am 2016-10-18 18:29:52



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