• vom 28.12.2016, 15:30 Uhr

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Update: 28.12.2016, 19:02 Uhr

Türkei

Die Ikone des türkischen Widerstands




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Von WZ-Korrespondent Frank Nordhausen

  • Die Literaturdozentin Nuriye Gülmen protestiert seit Wochen gegen ihre Suspendierung.

Links; "Einen besseren Ort hätte ich nicht wählen können": Gülmen in der Fußgängerzone Ankaras.
Rechts: Wir wollen unsere Arbeit und unser Brot zurück": TürkischeArbeiter und Gewerkschafter (Dachverband von Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes, Kesk) demonstrieren in Ankara gegen dieArbeitsmarktpolitik.

Links; "Einen besseren Ort hätte ich nicht wählen können": Gülmen in der Fußgängerzone Ankaras.
Rechts: Wir wollen unsere Arbeit und unser Brot zurück": Türkische
Arbeiter und Gewerkschafter (Dachverband von Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes, Kesk) demonstrieren in Ankara gegen die

Arbeitsmarktpolitik.
© Nick Ashdon, apa/afp/Adem Altan Links; "Einen besseren Ort hätte ich nicht wählen können": Gülmen in der Fußgängerzone Ankaras.
Rechts: Wir wollen unsere Arbeit und unser Brot zurück": Türkische
Arbeiter und Gewerkschafter (Dachverband von Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes, Kesk) demonstrieren in Ankara gegen die

Arbeitsmarktpolitik.
© Nick Ashdon, apa/afp/Adem Altan

Ankara. Die Heldin von Ankara ist groß und schlank, sie hat Sommersprossen und ein verschmitztes Lächeln im Gesicht. Sie trägt das brünette Haar kurz und pflegt eine klare Sprache. Die 34-jährige Nuriye Gülmen strahlt die Ruhe derer aus, die sich entschieden haben, Grenzen zu überschreiten und die Folgen in Kauf zu nehmen. Doch ein bisschen nervös ist sie schon an diesem Morgen - wie jeden Tag seit anderthalb Monaten, als sie ihren Protest begann, der ihr 20 Festnahmen einbrachte und sie in der Türkei berühmt machte. Sogar die Opposition im Parlament hat sie schon als Beispiel für Zivilcourage gelobt.

Es ist klirrend kalt, als Nuriye Gülmen in einem Café ihre Mütze aufsetzt, zusammen mit ihrem Mitstreiter Semih Özakca ihre Plakate nimmt und die paar Schritte zum Menschenrechtsdenkmal in der Fußgängerzone im Herzen der türkischen Hauptstadt geht. Das Mahnmal zeigt eine Frau, die in der universellen Erklärung der Menschenrechte liest. "Einen besseren Ort hätte ich nicht wählen können", sagt Gülmen. Mit geübten Griffen befestigen die Aktivisten handgemalte Schilder an der Metallfigur. "Ich wurde entlassen. Ich will meine Arbeit zurück!", steht darauf. Dann rufen sie, so laut sie können: "Wir sind Arbeitnehmer, wir haben Rechte! Die Regierung hat Zehntausende entlassen! Wir rufen alle dazu auf, sich mit uns zu solidarisieren."

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Einige Passanten blicken auf, wenige halten an, viele hasten weiter und tun so, als ob es nichts zu sehen gäbe. Zwanzig Meter weiter stehen sechs junge, bärtige Männer in uniformen blauen Anoraks und beobachten die Szene. Einer filmt. "Die Polizei", sagt Gülmen. "Sie nehmen uns nicht mehr fest, aber sie sind immer dabei."

Universitäten büßten
15 Prozent ihres Personals ein

Trotzdem ist die Nicht-Verhaftung ein kleiner Sieg für Gülmen. Sie ist eine von rund 20.000 Akademikern, die unter dem Ausnahmezustand nach dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli ihre Arbeit verloren, weil sie angeblich die Putschisten gegen den Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan unterstützten. "Ich habe nichts damit zu tun", sagt Gülmen. "Meine Suspendierung ist ein Witz." Einen Monat, nachdem sie den Bescheid der Seldschuken-Universität im zentralanatolischen Konya erhielt, ging die linke Literaturdozentin nach Ankara, um für ihre Rückkehr in den Hörsaal zu kämpfen.

"Im ersten Monat meines Protestes nahmen sie mich jeden Tag nach zwei Minuten fest, hielten mich einige Stunden fest und ließen mich dann wieder frei", erzählt sie. "Aber ich sagte ihnen, dass ich nicht ruhen werde, bis ich meine Arbeit zurückhabe. Irgendwann wurde es ihnen zu viel, und sie hörten damit auf." Fünf Stunden steht sie seither jeden Tag in der Fußgängerzone und schreit ihre Wut heraus. So ist Nuriye Gülmen in den sozialen Medien der Türkei zur Ikone des Widerstands geworden - gegen ein kafkaeskes Herrschaftssystem, das Widerspruch nicht duldet und kleinste Abweichungen mit größter Härte bestraft.

Hieß es ursprünglich, dass sich die staatlichen "Säuberungen" nur gegen die Anhänger des in den USA lebenden Islampredigers Fethullah Gülen - den angeblichen Auftraggeber des Militärputsches - richten, so wurde schnell klar, dass sie auch andere Regierungskritiker betrafen, die gar keine Verbindung zu den Gülenisten hatten: Linke, Liberale, Gewerkschafter, Kurden. Ihr eigener Fall zeige, dass fast jeder von den Behörden attackiert werden könne, ohne die Chance, sich juristisch zu wehren, sagt Gülmen.

Mehr als 115.000 Menschen verloren bisher ihre Arbeit: in den Sicherheitskräften, Gerichten, Behörden, Schulen und Universitäten. Gerade Universitäten, traditionell ein Rückzugsraum linker Intellektueller, wurden massiv attackiert und büßten rund 15 Prozent ihres Personals ein. Auch Professoren zählen zu jenen rund 41.000 Menschen, die wegen des Putschversuchs in Untersuchungshaft sitzen. Und täglich kommen Dutzende hinzu.

Mehr als eine Million Menschen in der Türkei leiden inzwischen darunter, dass sie die Ernährer der Familie verloren haben; die Suspendierten werden oft gesellschaftlich geächtet, finden keine andere Arbeit. "Man nennt sie Verräter, sie sind wie Ausgestoßene", sagt Gülmen. Man hört von entlassenen Lehrern, die auf dem Bau oder auf Feldern schuften, und von Verzweifelten, die Selbstmord begehen.

"Bitte unterstützen Sie mich und unterschreiben Sie meine Petition", ruft Nuriye Gülmen den Passanten zu. Hin und wieder trauen sich vor allem Junge, eine Unterschrift für sie zu leisten. "Man muss gegen das Unrecht kämpfen", sagt eine Studentin. Gülmen war das Risiko bewusst, als sie sich zum Protest entschied. Sie wusste, dass regierungskritische Demonstrationen seit dem Putschversuch von der Polizei meist mit großer Härte aufgelöst werden. "Aber ich wollte keine Demonstration veranstalten. Ich will nur meinen Job zurück." Dass sie sich nur auf ihre Suspendierung konzentriert, nutzt ihr im Kampf um ihre Würde gegen einen Mann, der ihr alles nehmen will.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-28 15:35:09
Letzte nderung am 2016-12-28 19:02:38



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