• vom 11.03.2017, 08:00 Uhr

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Update: 14.03.2017, 18:27 Uhr

Niederlande

Schwankend an die Urnen




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Von WZ-Korrespondent Tobias Müller

  • In den Niederlanden ist alles in Bewegung geraten. Eine Reise durch ein Land zwischen Auflösung und Aufbruch.

- © Lilly Panholzer

© Lilly Panholzer


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Amsterdam. Es ist ein guter Tag für Tulpen. In dicken Sträußen liegen sie am Blumenstand von Frans de Jong aus, rot, gelb und lila, und die Kunden kommen wie von selbst. Die Mittagssonne scheint auf den Markt in Almere, einer Satellitenstadt östlich von Amsterdam. Ab und an lässt sich ein Vogel hören. Vier Wochen noch, dann beginnt der kalendarische Frühling. Und drei bis zum "patriotischen", den Geert Wilders seit Wochen beschwört: Am 15. März will seine Partij voor de Vrijheid bei den niederländischen Parlamentswahlen die stärkste Kraft werden.

Auf Frans de Jong kann Wilders zählen: Er wird PVV wählen. "Es ist Zeit für eine Stimme gegen die gefestigte Ordnung", sagt der weißhaarige Blumenhändler, während er hinter seinem Stand fegt. Eine Stimme, entstanden aus der Summe von Enttäuschungen: Über den liberalen Oppositionspolitiker Pechtold, der im Wahlkampf allen arbeitenden Bürgern 500 Euro versprach, "aber bei mir kam er noch nicht vorbei". Über haarsträubende Pannen in der Steuerbehörde. Über das Leben, das teurer wird und für einen kleinen Unternehmer immer härter.

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Im Herbst 2015 setzte sich die PVV an die Spitze der Umfragen. Mit drastischen Worten wandte sie sich gegen die Unterbringung von Flüchtlingen. Geert Wilders forderte die Bevölkerung per Twitter zum "Widerstand" auf. Meneer de Jong sprach er damit aus der Seele. "Merkel hat diesen Strom lekker in Gang gebracht. Aber das funktioniert nicht. Man bekommt die Menschen aus all diesen Kulturen nicht unter einen Hut. Die multikulturelle Gesellschaft ist gescheitert. Alle haben ihren eigenen kleinen Betrieb: die Niederländer, die Marokkaner, die Türken. Jeder für sich."

Positionen wie diese sind die Füße, auf denen der jahrelange Aufstieg der PVV steht. Almere, in den 1970ern am Reißbrett geplant und gebaut auf einem eingepolderten Stück des Ijsselmeers, hat in dieser Geschichte einen besonderen Platz. Als die PVV hier 2010 die Kommunalwahlen gewann, bedeutete das ihren Durchbruch. Als sie vier Jahre später den nächsten Sieg einfuhr, war das schon normal. In den Niederlanden nennt man Almere, wo inzwischen 200.000 Menschen wohnen, ein "Wilders-Bollwerk".

Die Zeitungen präsentieren an diesem Tag die neuesten Umfragen. Demnach liegt die PVV an der Spitze, doch ihr Vorsprung schmilzt. Wie schätzt man in Almere die Lage ein? Eine blonde Frau um die 50 kommt von einem Behördengang aus dem Stadthaus. Was sie wählt?" PVV, schon immer. "Und davor Pim Fortuyn." Gewinnen aber werde die Partei nicht. "Viele Menschen trauen sich nicht. Sie haben Angst, dass sie negative Reaktionen bekommen. Ich wünschte, das wäre anders. Denn wenn niemand sie wählt, bleibt alles, wie es ist."

Wie es ist? Was bedeutet das für sie? "Die Wohnung, die ich wegen meiner chronischen Krankheit bräuchte, bekomme ich nicht. Aber zehn davon werden für Asylanten freigehalten. Erst lässt die Gesundheit dich im Stich, und dann auch Almere." Dass die PVV die Grenzen dichtmachen und weniger Migranten will, sagt ihr zu. Aber dass sie gegen das Aufenthaltsrecht für Kinder klandestiner Migranten ist, das geht ihr zu weit. "Warum soll man Kinder, die hier integriert sind, abschieben? Da vermisse ich Menschlichkeit!"

Wer den Aufschwung der PVV begreifen will, kommt um Widersprüchlichkeiten nicht herum. Für geschlossene Grenzen sein und für eine humane Behandlung der Kinder von Papierlosen, kann dabei durchaus zusammengehen. Diese Frau, die "in der Stadt manchmal denkt, ich bin die einzige Weiße", erzählt im nächsten Moment begeistert, sie habe "mit jedem in der Nachbarschaft Kontakt". Und wie so viele andere in diesem Land engagiert sie sich ehrenamtlich. Das Komplexe ist eben, dass die PVV in der Regel keine Stiefelnazis anzieht, sondern Durchschnittsbürger.

Der Kulturkampf sich bedroht wähnender, alteingesessener Niederländer zieht weite Kreise. Er betrifft auch eine Bevölkerungsgruppe, die seit Jahrzehnten im Land ist und als vorbildlich integriert gilt: die Menschen aus der früheren Kolonie Surinam und ihre Nachkommen. Gary Aikman, ein graugelockter Mann Mitte 50, hat dazu einige Anmerkungen. "Statistiken über Wohn-Situation und Bildung zeigen, dass Surinamer noch immer zu den schwächsten Gruppen der Gesellschaft gehören. Viele, auch gut ausgebildete, sind arbeitslos."

Aikman, seit kurz vor der Unabhängigkeit 1975 in den Niederlanden, ist einer von ihnen. Ehrenamtlich engagiert er sich bei Wi Masanga, der ältesten surinamischen Vereinigungen in Rotterdam. "Unser Haus", bedeutet der Name. Das Haus von Wi Masanga, ein altes Schulgebäude aus Backstein, liegt in einer Seitenstraße im Westen Rotterdams. Eine niederländische und eine surinamische Flagge wehen über der Tür, im Eingangsbereich hängen drei Ankündigungen: eine zum "Sonntagmittags- Bingo", eine für den "Melanated Hair Workshop", eine zur "Zusammenkunft der neuen politischen Partei Artikel 1". Letztere kann an diesem kalten Februar-Nachmittag jeden Augenblick beginnen.

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Dokument erstellt am 2017-03-10 18:21:13
Letzte ─nderung am 2017-03-14 18:27:51



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