• vom 22.03.2017, 09:09 Uhr

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Update: 22.03.2017, 15:38 Uhr

Brüssel

Dem Terror die Stirn bieten




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Von WZ Online, APA/dpa

  • Leben nach dem 22. März: Belgien gedenkt der Terrorattacken.

Brüssel. Der Moment, als ein ganz normaler Dienstag zum Alptraum wurde, lässt sich genau beziffern: Um 7.58 Uhr sprengte sich vor einem Jahr der erste Brüsseler Selbstmordattentäter in die Luft. Ein Jahr später erinnert sich das Land an den Terror.

"Ich habe mich oft gefragt, was wäre wenn? Was, wenn wir zehn Minuten später aufgebrochen wären? Was, wenn wir ein wenig langsamer gefahren wären?", fragt Lars Waetzmann, der vor einem Jahr seine Frau Jennifer beim Terroranschlag am Brüsseler Flughafen verloren hat. "Aber es ist geschehen: In einem Sekundenbruchteil hat sich meine Welt verändert: Von der Aufregung, gemeinsam nach New York zu reisen, zu dem Horror, in dem ich mich befand."

Stellvertretend für viele Opfer der islamistischen Anschläge erinnert Waetzmann an diesem strahlenden Mittwoch an den 22. März 2016. Kurz darauf, um 7.58 Uhr, jährt sich der schreckliche Moment, der sein Leben verändert hat. Angehörige, Rettungskräfte, Politiker und das Königspaar Philippe und Mathilde werden still in dieser Minute.

32 Tote, mehr als 300 Verletzte

Drei islamistische Selbstmordattentäter haben 32 Menschen am Flughafen und in der Brüsseler U-Bahn getötet, mehr als 300 teils schwer verletzt. Erst in diesem Jahr haben die letzten der Verwundeten das Krankenhaus verlassen. Manche fühlen sich von Regierung, Arbeitgebern und Versicherungen allein gelassen.

"Diese Explosion forderte Leben, Träume, beendete Wege", sagt Christelle Giovannetti. "Warum aufstehen? Wie kann ich aus der Einsamkeit ausbrechen? Wie kann ich weitermachen mit Horrorbildern im Kopf?" Mit brechender Stimme trägt die Überlebende der Explosion in der U-Bahn ihre Gedanken vor. Vor einem Jahr, um 9.11 Uhr, ging der Sprengsatz hoch.

Metrostation als Symbol

Die Metrostation Maelbeek ist nicht erst ein Jahr später zum Ort des Gedenkens geworden. Auf der Wand, vor der der Kranz mit hellen Blumen und Band in den belgischen Nationalfarben niedergelegt wird, prangt ein trotziges "Tous ensemble" ("Alle zusammen") über vielen weiteren Botschaften, die Menschen dort hinterlassen haben. Sie habe so viel Unterstützung und Solidarität erfahren, sagt Giovannetti. "Meine Verletzungen sind unumkehrbar, aber mein Kampf geht weiter."

"Antwort mit Würde"

Neben Opfern und Angehörigen stehen die Rettungs- und Sicherheitskräfte im Zentrum des Gedenkens. Premier Charles Michel und das Königspaar schütteln Hände, wechseln Worte mit jenen, die das Grauen so hautnah erlebt haben. "Auf den Hass und die Gewalt haben Sie mit Würde geantwortet, Zweifeln und Angst haben Sie Mut und einen großartigen Willen zum Wiederaufbau entgegengesetzt", spricht Philippe, an die Angehörigen gewandt.

"Für die meisten von uns gibt es ein Leben vor und nach dem 22. März 2016", sagt Flughafen-Feuerwehrmann Geert Raveel. An jenem Tag vor einem Jahr habe zunächst einfach jeder nur funktioniert: "Jeder hat alles gegeben." Erst danach, am Abend, hätten die Helfer wirklich begriffen, was da geschehen sei. "Als Rettungskräfte hoffen wir, dass wir nie wieder ein solches Drama erleben müssen. Dennoch, wenn sich das wiederholen sollte, dann stehen wir bereit im Dienst der Gemeinschaft."

Der Tag der Anschläge war furchtbar für zahlreiche Menschen. Doch immer wieder erinnerten sich Opfer auch an spontane Hilfe und Unterstützung, die sie erfahren haben. "Mitten im Chaos, hat ein völlig Fremder mir seine Jacke unter den Kopf gelegt und ist an meiner Seite geblieben - eine einfache Geste eines Menschen für einen anderen, die bis heute alles bedeutet", berichtet Waetzmann. Inmitten des Horrors habe es auch das gegeben. "Ich habe mich entschieden, mich an Letzteres zu erinnern. Und ich hoffe, Sie tun das alle."

Dem Terror die Stirn bieten 

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sprach den Opfern und Hinterbliebenen sein Mitgefühl aus. Die Anschläge bezeichnete er in einer Erklärung als "feige" und "abscheulich". Sie "wollten das Herz Europas treffen", erklärte der Behördenchef. "Angesichts dieser beispiellosen und unbegreiflichen Gewalt" hätten sich die Menschen in Belgien entschlossen, "dem Terror die Stirn zu bieten". Auf "diese bemerkenswerte Willensstärke, die uns Europäerinnen und Europäer antreibt, müssen wir unsere Zukunft aufbauen", so der EU-Kommissionschef. "Das sind wir jedem einzelnen Opfer dieser Anschläge schuldig."

Auch EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager plädierte für mehr Einheit der Europäischen Union. "Wir verurteilen Terrorismus, egal ob er eine U-Bahn-Station oder ein Land betrifft, das hunderte Kilometer entfernt ist. Denen die uns trennen wollen, müssen wir mehr Einheit, mehr Kohäsion und mehr Kraft entgegensetzen".

Im Lauf des Tages sind weitere Gedenkveranstaltungen geplant. Nachmittags zieht ein Trauerzug vom Gemeindeplatz des Brüsseler Stadtteils Molenbeek bis an den Börsenplatz im Zentrum. Am Abend halten Gläubige in der Kathedrale Saints-Michel-et-Gudule eine Totenwache.

In der Früh des 22. März 2016 hatten sich zwei Selbstmordattentäter in der Abflughalle des Brüsseler Flughafens Zaventem in die Luft gesprengt, etwa eine Stunde später folgte eine dritte Bombe in der Metrostation Maelbeek im EU-Viertel der belgischen Hauptstadt. Bei den Attentaten wurden 32 Menschen getötet und mehr als 300 weitere verletzt.

Die Terrorgefahr in Belgien wird von den belgischen Behörden ein Jahr nach den Anschlägen nach wie vor als hoch eingeschätzt. Unmittelbar nach den Attentaten galt kurzfristig die höchste Terrorwarnstufe, kurz darauf wurde sie auf Stufe Drei, die zweithöchste, herabgesetzt. Demnach gilt ein Anschlag als "möglich und wahrscheinlich". Das Militär patrouilliert seither in den Straßen und bewacht wichtige Gebäude wie die EU-Institutionen sowie U-Bahn-Stationen und Bahnhöfe.

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Schlagwörter

Brüssel, Terror, Gedenken

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Dokument erstellt am 2017-03-22 09:11:25
Letzte Änderung am 2017-03-22 15:38:27



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