• vom 04.04.2017, 17:34 Uhr

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Update: 04.04.2017, 17:55 Uhr

Türkei

Ein böser Verdacht




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Von WZ-Korrespondent Frank Nordhausen

  • Ankara habe den Putschversuch selbst gelenkt, behaupten die türkischen Sozialdemokraten.

"Wahrheit wird ans Licht kommen": CHP-Chef Kilicdaroglu.

"Wahrheit wird ans Licht kommen": CHP-Chef Kilicdaroglu.© afp/Altan "Wahrheit wird ans Licht kommen": CHP-Chef Kilicdaroglu.© afp/Altan

Istanbul. Wusste die islamisch-konservative AKP-Regierung vom Putschversuch am 15. Juli vergangenen Jahres? Ließ sie die Armeeoffiziere gewähren? Hat sie den Staatsstreich womöglich selbst gelenkt? Das ist ein böser Verdacht, den politische Beobachter immer wieder geäußert haben - und den die Regierung stets scharf zurückwies. In der Endphase des Wahlkampfs um das Verfassungsreferendum über die Einführung eines exekutiven Präsidialsystems griff die größte türkische Oppositionspartei CHP die Vorwürfe nun erstmals offiziell auf und löste damit eine erregte Kontroverse aus.

Der Chef der Sozialdemokraten, Kemal Kilicdaroglu, erklärte am Montag vor Journalisten in Istanbul, dass der Staatsstreich mit dem Wissen der Regierung geschehen und deshalb ein "kontrollierter Putsch" gewesen sei. Wie erwartet reagierten Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und Ministerpräsident Binali Yildirim heftig. Sie beschuldigten den Oppositionsführer, das türkische Volk zu beleidigen und dessen heroischen Widerstand mit mehr als 240 Toten zu beschmutzen. Das Volk habe mit hohem Blutzoll verhindert, dass Verschwörer um den Islamprediger Fethullah Gülen den Präsidenten stürzen konnten.


"Alles Lügen"
Der CHP-Chef Kilicdaroglu begründete seinen Vorstoß mit Unstimmigkeiten in offiziellen Darstellungen der Abläufe am Putschtag und mit Verschwörerlisten, die die Regierung unter Verschluss halte. Auf seine Frage an die Regierung, ob es wirklich einen Putschversuch um 21.30 Uhr gegeben haben könnte - alle anderen Staatsstreiche fanden in den frühen Morgenstunden statt -, habe man geantwortet: "Es passierte um diese Zeit, weil der Putschversuch verraten worden war." Kilicdaroglu folgert daraus, dass die Regierung "vorher von dem Putsch wusste". Auch würden gerichtliche Aussagen von Gülenisten aus der sogenannten Fethullaistischen Terror-Organisation (Fetö) die Sichtweise stützen, "dass es sich um einen kontrollierten Putsch handelte". Kilicdaroglu kündigte an, seine Partei werde in den kommenden Tagen ein "spezielles Dossier" mit Beweisen vorlegen. Kilicdaroglu hatte sich nach dem 15. Juli hinter den Präsidenten gestellt und bis heute weitgehend mit Kritik zurückgehalten. Umso härter reagierte Erdogan nun. "Wenn es Akten gibt, leg sie offen! Aber alles, was du sagst, sind Lügen", sagte der Staatschef am Montag in der Schwarzmeerstadt Rize.

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Dokument erstellt am 2017-04-04 17:39:05
Letzte nderung am 2017-04-04 17:55:36



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