• vom 20.04.2017, 16:41 Uhr

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Update: 21.04.2017, 08:22 Uhr

Frankreich-Wahl

"Nichtwähler könnten Le Pen Sieg bringen"




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Von WZ-Korrespondentin Judith Kormann

  • Der Soziophysiker Serge Galam sagte bereits den Wahlsieg von Donald Trump voraus.

Galams Wahlberechnungen zufolge ist ein Sieg von Le Pen unwahrscheinlich, aber möglich. - © Judith Kormann

Galams Wahlberechnungen zufolge ist ein Sieg von Le Pen unwahrscheinlich, aber möglich. © Judith Kormann

"Wiener Zeitung": Sollte Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen in die Stichwahl kommen, würde sie laut Umfragen verlieren. Sie sind da anderer Meinung . . .

Serge Galam: Die Umfragen zeichnen ein Bild der derzeitigen Meinung der Franzosen, können aber nicht voraussagen, wie sich diese Meinung entwickeln wird. Als Soziophysiker untersuche ich, inwiefern sich diese Meinung durch Interaktionen zwischen dne Menschen ändert. Dabei komme ich, wie die Umfragen, zu dem Ergebnis, dass die Wahlabsicht für Le Pen in der Stichwahl bei unter 50 Prozent liegen wird. Aber ich komme auch zu dem Schluss, dass sie dennoch gewinnen könnte.



Information

Serge Galam ist Physiker an der Pariser Universität Sciences-Po und Forschungsdirektor des französischen Nationalen Forschungszentrums CNRS. Er beschäftigt sich intensiv mit der Soziophysik, die soziale Szenarien durch naturwissenschaftlicher Modelle zu erklären versucht.

Wie ist das möglich?

Der Kontext des aktuellen Wahlkampfes ist sehr speziell. Wir finden uns in einer Situation wieder, in der viele Wähler um jeden Preis einen Sieg des Front National verhindern wollen und daher sagen: "Sollte Le Pen in die Stichwahl kommen, dann bekommt ihr Gegenkandidat meine Stimme, egal, wer das ist." Aber zugleich können sich viele Wähler auch mit den möglichen Herausforderern Le Pens nicht anfreunden, egal ob es sich dabei um Emmanuel Macron, François Fillon oder Jean-Luc Mélenchon handeln wird.

Woran liegt das?

Fillon ist durch die Skandale rund um seine Person für viele Franzosen unwählbar geworden. Macron wird von vielen mit der Regierung Hollandes und dem Kapitalismus in Verbindung gebracht und stößt deshalb auf Ablehnung. Mélenchon dürfte vielen rechten und gemäßigt linken Wählern zu sehr am linken Rand stehen. Für jeden möglichen Gegner Le Pens muss ein Teil der Wähler, die ihren Sieg verhindern wollen, einen hohen politischen Preis zahlen. Diese Wähler werden vor einem ethischen Dilemma stehen, wie es es in den Wahlen zuvor nicht gab.

Und diesen Preis sind die Wähler nicht bereit zu zahlen?

Sie sagen, sie sind es, denn ihre Ablehnung gegenüber Le Pen ist stärker. Also sagen sie sich: "Ich werde mich zwingen, für ihren Gegner zu stimmen." Doch da sie diesen auch nicht wollen, ist meine Hypothese, und damit begebe ich mich auf das Gebiet der Individualpsychologie, dass ein Teil dieser Leute am Wahltag trotz besserer Absicht nicht wählen wird. Sie werden sich zwar nicht eingestehen, dass sie nicht wählen wollen, aber jeden Vorwand nutzen, um ihren Stimmzettel nicht abzugeben. Und handeln viele Wähler so, könnte das den Ausgang der Wahl beeinflussen.

Viele Nichtwähler könnten Le Pen also zum Sieg verhelfen?

Ja, sie könnten Le Pen den Sieg bringen, wenn sich vor allem jene Wähler enthalten, die angegeben haben, für Le Pens Gegner zu stimmen. Die Wählerschaft von Marine Le Pen ist entschlossen und sehr motiviert. Jene, die angeben, für sie zu stimmen, werden das auch tun. Dieses Ungleichgewicht in der Wahlenthaltung kann Le Pens Sieg möglich machen. Wenn die Wahlabsicht für Le Pen etwa bei 42 Prozent liegt und 90 Prozent diese Absicht wahr machen, dann müssten mehr als 65,17 Prozent jener Wähler, die angeben, für den Gegenkandidaten zu stimmen, das auch wirklich machen, damit dieser gewinnt. Und das ist nicht sicher. Ich sage also nicht, dass Le Pen gewinnen wird. Aber ich sage, die Möglichkeit ist gegeben.

Als 2002 in der Stichwahl um das Präsidentenamt Jean-Marie Le Pen dem Konservativen Jacques Chirac gegenüberstand, mussten doch auch viele Linkswähler in den sauren Apfel beißen, um einen Sieg des Front National zu verhindern. Was war damals anders?

Der Unterschied ist, dass Chirac für die Fortsetzung eines Regierungskurses stand. Die Wähler wussten, was sie von ihm zu erwarten hatten und hatten, selbst wenn sie sich nicht mit seiner Parteilinie identifizierten, keine besondere Abneigung gegen ihn. Das Ergebnis: Chirac gewann mit 82,21 Prozent der Stimmen. Wie auch heute noch schlossen sich die Wähler zusammen, um einen Sieg des rechtsgerichteten Front National zu verhindern. Doch seit 2002 verschiebt sich die gläserne Decke, die der Front National aufgrund dieses Zusammenschlusses der Wähler nicht durchbrechen kann, nach oben. Sie liegt zwar noch bei unter 50 Prozent, ist jedoch hoch genug, um einen Sieg Le Pens möglich zu machen.

Ihre Argumentation erregt auch deshalb viel Aufmerksamkeit, weil Sie entgegen der Meinungsumfragen den Sieg von Donald Trump bei den US-Präsidentschaftswahlen vorhergesagt haben. . .

Zu dem Ergebnis bin ich durch mein Modell der Meinungsdynamik gekommen. Dabei untersuche ich, wie sich das Wahlverhalten von Individuen durch Diskussionen in der Gruppe verändert, also wie Personen durch Diskussionen die Meinung ihrer Mitmenschen annehmen. Doch manchmal heben sich die Argumente der Gruppenmitglieder auf. Sie wissen dann nicht mehr, wen sie wählen sollen. Meine Hypothese ist, dass sich die Wähler in diesem Fall unbewusst von Vorurteilen leiten lassen. Im Wahlduell zwischen Trump und Clinton entsetzte Trump durch seine "shocking statements" zwar viele Amerikaner, zugleich gelang es ihm aber, Vorurteile anzusprechen, die in ihnen schlummerten. Das führte dazu, dass diese Wähler im Zweifelsfall für Trump stimmten.

Lässt sich dieses Modell auch auf Frankreich anwenden?

Ja. Und dabei komme ich zu dem Schluss, dass Le Pen die Wahl verliert. Doch dieses Modell berücksichtigt das sehr wahrscheinliche Ungleichgewicht der Nichtwähler noch nicht. Denn das ist ein neues Phänomen. n





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-20 16:42:23
Letzte nderung am 2017-04-21 08:22:08



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