• vom 08.05.2017, 18:14 Uhr

Europastaaten

Update: 08.05.2017, 18:36 Uhr

Frankreich 2017

Neuanfang vor historischer Kulisse




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ-Korrespondentin Birgit Holzer

  • Einen Tag nach seiner Wahl trat Emmanuel Macron an der Seite seines Vorgängers und Mentors François Hollande auf.

Am Tag eins nach Macrons Wahlsieg gibt es nur ein Thema: Macrons Wahlsieg. : afp/Dunand, Coffrini

Am Tag eins nach Macrons Wahlsieg gibt es nur ein Thema: Macrons Wahlsieg. : afp/Dunand, Coffrini



Macron (l.) und der scheidende Präsident Hollande gedenken der Opfer des Zweiten Weltkrieges.

Macron (l.) und der scheidende Präsident Hollande gedenken der Opfer des Zweiten Weltkrieges.© reu Macron (l.) und der scheidende Präsident Hollande gedenken der Opfer des Zweiten Weltkrieges.© reu

Paris. Väterlich fasst Präsident François Hollande seinen jungen Nachfolger am Arm, tätschelt ihn am Rücken. Dieser blickt den scheidenden Amtsinhaber bewegt, fast dankbar an, dann demütig zu Boden. Lässt sich zum Triumphbogen an der Spitze der Champs-Élysées vor die Flamme des unbekannten Soldaten führen, wo an jedem 8. Mai eine symbolische Zeremonie stattfindet.

Der Tag der Befreiung der Nazis erscheint diesmal bedeutend in vielerlei Hinsicht. Ausgerechnet hier und zu diesem Anlass tritt Emmanuel Macron zum ersten Mal nach seinem Wahlsieg am Sonntag auf - jener Politiker, der einen Neuanfang wagen und Geschichte mit Moderne verbinden will. Mehr noch, Macron hat den Franzosen versprochen, sie in eine neue Ära zu führen. 39 Jahre ist er alt und mit seiner eigenen Partei "En marche!" angetreten, die er vor gut einem Jahr gegründet hat. Er will Schluss machen mit der stereotypen Konfrontation der politischen Parteien, in der Mitte regieren, dem Land, das seit langem in einem wirtschaftlichen und moralischen Tief festhängt, wieder Schwung und Optimismus mitgeben.

"Die Aufgabe ist riesig", verkündete Macron im Moment seines Triumphs, am Sonntagabend vor zehntausenden jubelnden Anhängern auf dem Platz vor dem Louvre. "Ich will die Einheit unseres Volks und unseres Landes. Ich werde euch mit Liebe dienen." Sein hohes Ergebnis von 66 Prozent verdankt er auch dem Umstand, dass viele die Rechtspopulistin Marine Le Pen an der Macht verhindern wollten.

Macron übt sich in Demut

Dass er den großen Herausforderungen gewachsen ist, denen Frankreich gegenübersteht, muss er erst noch beweisen. So verfällt er am nächsten Tag nicht in Siegestaumel. Bescheiden und mit feierlichem Ernst vollführt Macron vor der historischen Kulisse und an der Seite von Hollande seine ersten Handlungen als frisch gewählter Staatschef. Gemeinsam entfachen sie die Flamme unter dem Triumphbogen neu, bevor die Marseillaise erklingt. Sie werden flankiert von der alten Garde der Politiker, die von den Wählern abgestraft wurde. Im Publikum sitzen jene, die seit Jahren Frankreichs Politik bestimmen und ebenfalls gerne an die Staatsspitze gedrängt wären, vom konservativen Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy bis zum früheren Premierminister Manuel Valls. Sie alle hat Macron überholt, auch an seinem Mentor Hollande ist er vorbeigezogen. Dieser gibt sich versöhnlich, ja sogar stolz. "Emmanuel Macron ist mir die ganzen letzten Jahre gefolgt. Er hat sich dann emanzipiert und nun ist es an ihm, Präsident zu sein, auch mit den Erfahrungen, die er an meiner Seite machen konnte", sagt der erfahrene Staatschef über den jungen Politstar. Diesen hatte er nach seiner eigenen Wahl 2012 zunächst als Wirtschaftsberater angestellt und zwei Jahre später zum Wirtschaftsminister gemacht, bis Macron beschloss, seinen eigenen Weg zu gehen.

Selbst Vertraute Hollandes, die in diesem Vorgehen einen illoyalen Alleingang sahen, finden nun lobende Worte. "Bravo, sein Sieg ist ein verrücktes Abenteuer", erklärte die bisherige Gesundheitsministerin Marisol Touraine. "Er wird Präsident mit nicht einmal 40 Jahren, dabei hätte noch vor zwölf Monaten niemand einen Penny auf ihn gesetzt." Nun aber hat er sein vorläufiges Ziel erreicht. Den Vorsitz seiner Partei wird Macron abgeben und nach der offiziellen Amtsübergabe an diesem Sonntag seinen Premierminister - oder seine Premierministerin - vorstellen sowie die Regierungsmannschaft. Strikte Geschlechtergleichheit will er einhalten, das halbe Kabinett soll aus Vertretern der Zivilgesellschaft bestehen.

Doch bei den Parlamentswahlen im Juni könnte es zu einem erneuten Stühlerücken kommen. Dann muss der Präsident mit der Partei regieren, die die Mehrheit in der Nationalversammlung erhält. Obwohl erst in dieser Woche alle Kandidaten von "En marche!" bekanntgegeben werden, steht die Partei in Umfragen gut da: Demnach könnte sie mit rund 24 Prozent sogar siegen. Es wäre ein weiterer großer Vertrauensbeweis für den 39-Jährigen. Doch sind die Franzosen dazu bereit? Zwar feierten ihn Tausende enthusiastisch als neuen Hoffnungsträger. Mehr als vier Millionen Menschen, also zwölf Prozent aller Wähler, warfen aber auch einen leeren Stimmzettel in die Urne, um zu signalisieren, dass sie hinter keinem der beiden Kandidaten standen. Rund ein Fünftel ging gar nicht erst wählen. Die ganze Kampagne über war Macron scharfen Angriffen von allen Seiten ausgesetzt, der als früherer Investmentbanker und Absolvent von Elitehochschulen für viele keinen Bruch mit dem System darstellt, sondern für Kontinuität steht.

Der smarte Jungpolitiker wird längst nicht einhellig im Land geliebt. Viele fürchten sich vor einer "ultraliberalen" Politikauffassung. Und was ist mit all jenen, die für seine Gegnerin stimmten? Der Philosoph Raphaël Glucksmann warnt vor übertriebenem Jubel darüber, dass die Franzosen sich gegen Abkapselung und Hass auf die anderen à la Le Pen und für Macrons liberale Weltoffenheit entschieden: "Wir haben den klinischen Tod verhindert, aber die Krankheit besteht weiter" - also die Ursachen für die Wahl der Rechtspopulistin und die Zerrissenheit des Landes. Während Städter in überwältigender Mehrheit Macron wählten, erhielt Le Pen in vielen Landstrichen in der Provinz viel Zustimmung. Führungskräfte votierten für Macron, Arbeiter für Le Pen. "Es ist unendlich viel leichter für einen Bewohner eines modernen Pariser Stadtviertels, das europäische Projekt zu loben, als für einen Arbeitslosen, dessen Fabrik nach Rumänien ausgelagert wurde", so Glucksmann. Macron habe den richtigen Ton getroffen; nun müsse er konkrete Vorschläge anbieten.

Werbung

weiterlesen auf Seite 2 von 2




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-08 18:18:08
Letzte Änderung am 2017-05-08 18:36:21



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Europäische Beteuerungen
  2. EU fordert Sanktionen bei Flüchtlingsverteilung
  3. Der Brandbeschleuniger
  4. Rechtsradikaler und Piraten vor Wahlerfolg
  5. Katalonien soll Autonomiestatus verlieren
Meistkommentiert
  1. "Ein Kasperl Straches"
  2. "Ich möchte nicht in seiner Haut stecken"
  3. Kampf um Skopje
  4. Österreich klagt gegen deutsche Pkw-Maut
  5. EU fordert Sanktionen bei Flüchtlingsverteilung

Werbung




Werbung


Werbung