• vom 16.06.2017, 17:53 Uhr

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Update: 16.06.2017, 21:18 Uhr

London

"Etwas ist drastisch falsch gelaufen"




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  • Tausende demonstrieren für die Opfer des Hochhausbrandes und fordern Premierministerin May zum Rücktritt auf.



London. (ast) Tausende Menschen haben sich zu einer Solidaritätskundgebung für die Opfer der Londoner Brandkatastrophe im Regierungsbezirk Westminster versammelt. Mit Bannern, Plakaten und Sprechchören machten die Demonstranten am Freitagabend vor dem Ministerium für Kommunen ihrer Wut auf die Regierung Luft. Die Behörde ist unter anderem für den Wohnungsbau verantwortlich.

Die Demonstranten skandierten "May muss gehen!", als sie Richtung Downing Street - dem Sitz der Premierministerin - marschierten. Die Kundgebung stand unter dem Motto "Justice for Grenfell!" (Gerechtigkeit für Grenfell). Bei dem Großbrand in dem Sozialbau im Stadtteil Kensington waren in der Nacht auf Mittwoch mindestens 30 Menschen umgekommen. "Leider wird die Zahl noch steigen", teilte Polizeisprecher Stuart Cundy am Freitag mit. Zum Zeitpunkt des Brandes sollen sich rund 600 Menschen in dem Hochhaus aufgehalten haben. Bisher gebe es keine Hinweise auf eine mögliche Brandstiftung, fügte Cundy hinzu. Die Mieterschaft bestand großteils aus Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund und ärmeren Bürgern.

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Viele Personen noch vermisst
Mehr als 70 Menschen werden vermisst, wie Medien berichteten. Verzweifelte Angehörige machten mit Fotos rings um die Brandruine auf Vermisste aufmerksam. Die Polizei warnte, dass manche Leichen möglicherweise nie identifiziert werden könnten. Laut Cundy wurden 24 Überlebende in Krankenhäusern behandelt, zwölf von ihnen schwebten in Lebensgefahr. Zwei Tage nach dem verheerenden Brand waren alle Brandnester gelöscht. Die Feuerwehr suche nun mit Drohnen und Suchhunden nach Menschen in dem zerstörten Hochhaus. Einige der oberen Etagen waren wegen Einsturzgefahr noch immer unzugänglich, so der Polizeisprecher.

May hatte am Donnerstag eine "umfassende Untersuchung" der Katastrophe angekündigt. Der Minister für Gemeinden und Kommunalverwaltung, Sajid Javid, sagte dem BBC: "Etwas ist hier drastisch falsch gelaufen." Ähnliche Gebäude würden nun auf vergleichbare Gefahren hin untersucht, vor allem hinsichtlich der Außenverkleidung.

In den Medien wurden unterdessen immer mehr Details zu der Fassadenverkleidung bekannt, die in ihrer nicht feuerresistenten Form für Gebäude von mehr als zwölf Metern Höhe in den USA etwa verboten ist. Die Aluminium-Paneele namens Reynobond der US-Firma Arconic koste 24 Pfund (27 Euro) und sei mit Kunststofffüllung nur zwei Pfund billiger als die feuerfeste Variante, berichtete die "Times".

Angebracht wurden die Fassadenteile von der Firma Harley Facades, die in einer Erklärung mitteilte, dass sie keine Verbindung zwischen dem Brand und der Verkleidung sehe. Auch die für die 2016 abgeschlossene Renovierung zuständige Firma Rydon versicherte, bei der Sanierung des Baus aus den 1970er Jahren seien alle Brandschutz- und Sicherheitsvorschriften eingehalten worden. Umgerechnet 9,9 Millionen Euro kostete die Sanierung und Dämmung der Außenwand.

Der "Daily Telegraph" zitierte einen Brandschutzexperten, wonach die Paneele wie ein "Windkanal" gewirkt hätte. Die Fassade mit ihren Hohlräumen habe "wie ihr eigener Kaminzug gewirkt", sagte Arnold Turling. Laut der Zeitung hatte das Gebäude zudem keine zentrale Sprinkler-Anlage und keine Feuerschutztüren. Ein Gebäude dieser Art wäre laut Brandschutzbestimmungen in Österreich nicht denkbar. Viele Briten geben der Regierung eine Mitschuld an dem Feuer.




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Dokument erstellt am 2017-06-16 17:56:06
Letzte ─nderung am 2017-06-16 21:18:19



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