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Update: 15.07.2017, 12:03 Uhr

Türkei

"Ein Albtraum, aus dem man nicht erwacht"




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Von WZ-Korrespondent Frank Nordhausen

  • "Säuberungen" nach dem Putschversuch: Drei Juristinnen sehen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, Gülenisten zu sein.

- © WZ-Illustration: mozie, Material: reuters/Murad Sezer/Charles Mostoller/Umit Bektas, Fotolia

© WZ-Illustration: mozie, Material: reuters/Murad Sezer/Charles Mostoller/Umit Bektas, Fotolia

Istanbul. Wenn die Muezzine aller 90.000 Moscheen der Türkei an diesem Samstag das islamische Totengebet Sala für die Opfer des gescheiterten Militärputsches vor einem Jahr anstimmen, dann werden drei Frauen in Istanbul den Klagegesang kaum ertragen können. Ayse, Hatice und Dilek werden traurig an jenen 15. Juli 2016 denken, der nicht nur das Land tief erschütterte, sondern ihr Leben und das ihrer Familien zerstörte. "Unsere Ehemänner sind nicht tot", sagt Ayse, "aber es ist, als seien sie seit dem Putschversuch lebendig begraben. Meine Kinder weinen jedes Mal, wenn sie an ihren Vater denken, der völlig unschuldig im Gefängnis sitzt."

Vor acht Monaten nahmen die Frauen Kontakt zu dieser Zeitung auf, weil sie Hilfe suchten. Türkische Medien schreiben zwar über verhaftete Journalisten, doch fast nie über inhaftierte Richter und Staatsanwälte, weil diese keine Lobby haben. Auch deshalb haben die Frauen lange gezögert, ihr Schicksal publik zu machen. Sie haben Angst vor dem, was ihnen passieren könnte, falls ihre echten Namen genannt werden, weshalb diese hier geändert wurden. "Wie uns geht es Tausenden in der Türkei", sagt Ayse, die ein schlicht-elegantes Kleid trägt. "Wir wollen unsere Stimme für die erheben, die dasselbe durchmachen wie wir. Denn wo ist die Gerechtigkeit in unserem Land?"

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Das Schicksal hat Ayse, Hatice und Dilek zusammengeführt, drei Mütter aus Istanbul zwischen dreißig und vierzig Jahren, die sich jede Woche beim Besuchstag im Hochsicherheitsgefängnis von Silivri westlich der Metropole treffen, wo ihre Männer inhaftiert sind. Männer, die noch vor einem Jahr angesehene Staatsdiener waren und denen der Staat nun vorwirft, am Putschversuch beteiligt gewesen zu sein, für den der Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan die "Fethullaistische Terrororganisation" (FETÖ) des Islampredigers Fethullah Gülen verantwortlich macht. "Kafkaesk", meint Ayse. "Wie ein Albtraum, aus dem man nicht mehr erwacht."

Am Morgen des 16. Juli, während loyale Truppen noch Aufständische niederkämpften, verschickte der Hohe Justizrat (HSYK) bereits eine Liste mit den Namen von 2745 Richtern und Staatsanwälten, die suspendiert oder verhaftet werden sollten, weil sie verdächtig seien, den FETÖ-Putschisten anzugehören. Versionen dieser Liste wurden noch am selben Tag in der Presse veröffentlicht, und die Polizei begann mit den Festnahmen. Bis heute wurden 4424 Richter und Staatsanwälte suspendiert, 2584 inhaftiert, 680 sind in Einzelhaft. Rund ein Viertel der staatlichen Justiz wurde ausgeschaltet.

Ein Staatsanwalt voller Angst
"Auf der veröffentlichen Liste angeblicher FETÖ-Richter tauchten auch mein Mann und ich auf", erzählt Hatice, die sorgfältig geschminkt ist und eine weiße Bluse über den Jeans trägt. "Deshalb haben wir die Kinder bei den Eltern gelassen und uns freiwillig gestellt." Das Ehepaar aus Zentralanatolien kam in ein völlig überfülltes Gefängnis, wo Hatice mit sieben anderen Juristinnen fünf Tage lang in eine fünf Quadratmeter große Zelle gepfercht wurde. Für mehr als 60 Festgenommene gab es nur eine Toilette und ein Waschbecken. "Es kam uns anfangs wie ein Scherz vor. Das war unsere Türkei? Unmöglich!" Hatice lacht nervös.

Am nächsten Tag wurden sie einem blutjungen Staatsanwalt vorgeführt, der die Festgenommenen wie am Fließband verhörte. "Er las alle Fragen vom Papier ab. Keine einzige Frage drehte sich um den Putsch, es ging immer nur um Gülen. Ob ich meinen Ehemann bei den Gülenisten kennengelernt hätte? Ob wir ein Konto bei einer bestimmten Bank hätten, Bücher von Gülen oder Kurse bei ihm besucht hätten?", erinnert sich Hatice. "Natürlich hatten wir das nicht. Mein Mann ist ein gestandener Linker, und ich stehe den Nationalisten nahe. Nie hätten wir uns mit Gülenisten gemein gemacht." Sie erzählt, dass der Staatsanwalt während der gesamten halbstündigen Vernehmung zitterte. "Er hatte Angst vor mir und davor, einen Fehler zu machen." Als sie ihn fragte, welche Beweismittel gegen sie vorlägen, habe der Ermittler schließlich eingeräumt: "Ihre Akte ist leer. Es gibt nur ein Schreiben des HSYK, dass Sie verhaftet werden sollen."

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20170714_putschtuerkei© WZ Online 20170714_putschtuerkei© WZ Online

Die Ehemänner von Hatice und Dilek, zwei Staatsanwälte, sitzen schon seit einem Jahr im Gefängnis. Beide Frauen, selbst Richterinnen, waren kurzzeitig inhaftiert. Ayses Mann, der seit 15 Jahren Strafrichter ist, wurde in der Westtürkei zusammen mit einem Dutzend anderer Juristen im Gerichtsgebäude festgenommen, erzählt sie. "Sie wurden in ein Polizeirevier gebracht, wo man ihnen vorhielt, dass sie Helfer der Putschisten seien." Drei Tage später wurde ihr Mann ins Staatsgefängnis überstellt, wo er monatelang mit 25 anderen Häftlingen in einem Raum eingesperrt blieb. Für einen überzeugten Vertreter des Rechts wie ihn sei diese Demütigung kaum auszuhalten gewesen. "Heute ein angesehener Richter und am nächsten Tag ein Terrorist! Wie soll man das verkraften?"

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Dokument erstellt am 2017-07-14 18:48:08
Letzte nderung am 2017-07-15 12:03:57



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