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Update: 19.07.2017, 08:11 Uhr

Russland

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Von WZ-Korrespondentin Simone Brunner

  • Putin hat die Geschichte politisch instrumentalisiert. Nun sollen Lehrer die Erinnerungspolitik im Unterricht verankern.

Heroische Inszenierung dominiert bei Russlands Gedenktagen und nun auch in den Schul-Geschichtsbüchern. - © reu/Bolshoy

Heroische Inszenierung dominiert bei Russlands Gedenktagen und nun auch in den Schul-Geschichtsbüchern. © reu/Bolshoy

Moskau. Die patriotische Inszenierung des Zweiten Weltkrieges ist zu einem wichtigen Element der russischen Politik geworden. Traditionell wird das Ende des Zweiten Weltkrieges als "Tag des Sieges" im Mai im ganzen Land mit großem Pomp gefeiert. Zuletzt wurde auch der Militärpark "Patriot" vom russischen Verteidigungsministerium nahe Moskau eröffnet. Dort wird die Erstürmung des Deutschen Reichstages nachgestellt. Diese Erinnerungspolitik macht auch nicht vor den Schulen halt. In diesem Schuljahr wurden neue Schulbücher für den Geschichtsunterricht eingeführt. "Ausgewogener" als bisher sollte das neue Lehrmaterial sein, wie die Ministerin für Bildung und Wissenschaft, Natalja Wasiljewa, versicherte. Pädagogen kritisieren, dass genau das Gegenteil eingetreten ist. "Die Bücher sind oberflächlich, vor allem, was die Ereignisse des 20. Jahrhunderts betrifft", sagt Leonid Kazwa. Der 59-jährige Lehrer unterrichtet Geschichte an einem Moskauer Gymnasium. So würden vor allem die dunklen Kapitel der sowjetischen Periode, wie die Stalin-Repressionen, vernachlässigt oder gar nur gestreift.

Nur drei Geschichtsbücher
Mit seiner Kritik ist Kazwa nicht allein. Einseitig wird insbesondere mit den Ereignissen rund um den Zweiten Weltkrieg umgegangen, sagt die Historikerin Natalja Potapowa von der Europäischen Universität in St. Petersburg. "Der Krieg wird ausschließlich im Kontext des Sieges dargestellt", so Potapowa, die russische Schulbücher seit der sowjetischen Periode bis heute analysiert hat. Statt das Leiden des Krieges darzustellen, werde er abstrahiert und pathetisch überhöht. "Unsere Soldaten sterben und töten nicht, sondern vollbringen Heldentaten." Das würde sich genau in das Narrativ des Kreml einfügen, das sich in der siegreichen sowjetischen Tradition sieht und das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg zunehmend militarisiert.


Einem besonders brisantem Punkt - dem geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts zur Aufteilung Osteuropas im Jahr 1939 - wird auch nur wenig Platz eingeräumt. Weiters sei in keinem der neuen Schulbücher von einer "Annexion" des Baltikums im Zweiten Weltkrieg, sondern von einer freiwilligen Angliederung oder historischen Notwendigkeit die Rede. "Wir haben es hier mit Geschichtsfälschung zu tun", sagt Kozwa.

Das Bildungsministerium hat zudem die Zahl der für den Geschichtsunterricht zugelassenen Bücher auf drei reduziert. Während die Regierung von einer notwendigen "Vereinheitlichung" spricht, warnen Kritiker vor einer "Gleichschaltung". Vor allem die Geschichtsbücher des Verlags "Prosweschenie" (deutsch: Aufklärung) wird von Pädagogen als "ideologisiert" kritisiert. Der Verlag war zu Sowjetzeiten der einzige Verlag für Lehrbücher, im Jahr 2013 wurde der Verlag vom Putin-nahen Oligarchen Arkadi Rotenberg übernommen.

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Dokument erstellt am 2017-07-18 17:33:06
Letzte ─nderung am 2017-07-19 08:11:32



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