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Update: 09.08.2017, 13:07 Uhr

Russland

Die Toten von Sandarmoch




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Von WZ-Korrespondentin Simone Brunner

  • Jurij Dmitrijew - Aufarbeiter der Stalin-Verbrechen - wird 80 Jahre nach dem "Großen Terror" der Prozess gemacht.

Während Dmitrijew in Haft sitzt, nimmt der Stalin-Kult wieder zu. - © Brunner, reu/Karpukhin

Während Dmitrijew in Haft sitzt, nimmt der Stalin-Kult wieder zu. © Brunner, reu/Karpukhin

Petrosawodsk. Irgendwann hatte sich seine Spur verloren. In den 1930er Jahren, in den dichten Kieferwäldern im Niemandsland zwischen Russland und Finnland. 70 Jahre lang hat die Familie von Elwira Alexandrowna nach dem Schicksal des Großonkels geforscht. Bis sie schließlich 2007 den Namen in einem Totenbuch fand und der Verdacht zur Gewissheit wurde: "Erschossen am 11. November 1937".

Das ist nur eine von tausenden Geschichten von Sandarmoch, einem Waldstück in Karelien, 600 Kilometer nördlich von Sankt Petersburg. Zwischen 1937 und 1938, während des "Großen Terrors" unter Josef Stalin, soll das Volkskommissariat NKWD hier 7500 Menschen erschossen haben. Einmal im Jahr, Anfang August, versammeln sich hier Menschen, um der Toten zu gedenken. Diesmal kam auch Alexandrowna, um Blumen niederzulegen.

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Doch heuer waren die Feiern nicht nur von den Schatten der blutigen Vergangenheit getrübt. Sie fanden außerdem das erste Mal seit 1997 ohne Jurij Dmitrijew statt. Dabei war es gerade der schlacksige 61-Jährige mit der weißen Zottelmähne, der die Massengräber vor 20 Jahren entdeckte - und das Schicksal tausender Opfer in akribischer Kleinstarbeit rekonstruierte. Das Totenbuch, in dem Alexandrowna einen Eintrag über ihren Großonkel fand, stammt aus Dmitrijews Feder. Doch jetzt sitzt der Forscher selbst in Untersuchungshaft.

Seit 30 Jahren versucht Dmitrijew, Licht in das Dunkel der Stalin-Verbrechen zu bringen. Weggefährten beschreiben ihn als einen unermüdlichen Datensammler und eigenwilligen Einzelgänger. Aus Archivdokumenten hatte Dmitrijew, der selbst aus der karelischen Hauptstadt Petrosawodsk stammt, geschlossen, dass in den Dreißigerjahren besonders viele Menschen im russisch-finnischen Grenzgebiet hingerichtet worden sein mussten. Auf seinen Streifzügen durch die karelischen Wälder stieß er 1997 auf eingesackte Erdmulden: tausende Leichen, verscharrt im Unterholz, mit dem Gesicht nach unten und Einschusslöchern in der Schädeldecke. Die Totengruben von Sandarmoch sind eines der größten Massengräber der Sowjetzeit.

Vorwürfe "lächerlich"
Mit seinem Engagement hat sich Dmitrijew, der gar kein studierter Historiker ist, in Russland nicht nur Freunde gemacht: Zuletzt ist die kritische Auseinandersetzung mit den Stalin-Verbrechen zugunsten des patriotischen Gedenkens an die Heldentaten im Zweiten Weltkrieg, im "Großen Vaterländischen Krieg", in den Hintergrund gerückt. Während sich der Ausbruch des "Großen Terrors" von 1937/38 in diesem Sommer zum 80. Mal jährt, hatte Präsident Wladimir Putin zuletzt die "Dämonisierung Stalins" als "entbehrlich" bezeichnet sowie als einen "Versuch, die Sowjetunion und Russland zu attackieren".

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-08 17:45:06
Letzte ─nderung am 2017-08-09 13:07:45



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