• vom 11.08.2017, 18:12 Uhr

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Update: 12.08.2017, 09:30 Uhr

Ukraine

"Wird der kleine Bruder zu frech, kriegt er eins auf den Deckel"




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Von Gerhard Lechner

  • Der Historiker Andreas Kappeler über das konfliktbeladene Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine.



Das Trauma des Sowjet-Erbes im Osten Europas werde im Westen unterschätzt, meint Historiker Andreas Kappeler.

Das Trauma des Sowjet-Erbes im Osten Europas werde im Westen unterschätzt, meint Historiker Andreas Kappeler.© Stanislaw Jenis Das Trauma des Sowjet-Erbes im Osten Europas werde im Westen unterschätzt, meint Historiker Andreas Kappeler.© Stanislaw Jenis

"Wiener Zeitung": Der Krieg in der Ostukraine dauert jetzt schon drei Jahre an. Die täglichen Nachrichten von der Front werden in der Ukraine mittlerweile so aufgenommen wie der Wetterbericht, der Krieg ist zur Normalität geworden. Was hat der Kampf in der Ostukraine zwischen Russen und Ukrainern verändert?

Andreas Kappeler: Sehr viel. Er hat das Verhältnis zwischen den Staaten und ihren Bewohnern auf Dauer beschädigt - ein Verhältnis, das zuvor relativ gut war. Gerade auf persönlicher Ebene gab’s zwischen Russen und Ukrainern ja kaum Probleme. Die russische Aggression hat außerdem das internationale System fast irreparabel beschädigt.

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Andreas Kappeler gilt international als einer der besten Kenner Russlands und der Ukraine. Der gebürtige Schweizer, der 1969 in Zürich promovierte, machte sich als Osteuropa-Historiker unter anderem mit Forschungen über die ethnischen Gruppen im russischen Zarenreich - beispielsweise Tataren, Tschuwaschen und Baschkiren - einen Namen. Kappeler war in den 1980er Jahren einer der ersten Historiker im eutschsprachigen Raum, der sich mit der Geschichte der Ukraine beschäftigte. Seine "Kleine Geschichte der Ukraine" (Beck Verlag) wurde vielfach übersetzt und zählt ebenso wie das Buch "Russland als Vielvölkerreich" zur wissenschaftlichen Grundlagenliteratur. Ende August erscheint im Beck Verlag sein neues Buch "Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart", in dem Kappeler die Geschichte beider Volker als Wechselspiel von Verflechtungen und Entflechtungen erzählt - der gemeinsamen und der getrennten Wege.

Lässt sich das Verhältnis Russlands zur Ukraine beziehungsweise zum Westen eigentlich wieder einrenken?



Mittelfristig sehe ich da keine Lösung, vor allem zwischen Russland und der Ukraine. Und auch was den Westen betrifft, ist ein russisches Nachgeben nicht zu erwarten. Es wäre für Putin ein gewaltiger Prestigeverlust. In Moskau argumentiert man ja auch, der Westen habe Russland eingekreist und man müsse sich wehren. Da wäre ein Nachgeben kaum zu erklären.

Ist an dem Argument nicht auch was dran? Putin weist ja immer darauf hin, dass die USA den ABM-Vertrag, den Vertrag zur Begrenzung von Raketenabwehrsystemen, aufgekündigt hatten und also das strategische Gleichgewicht zwischen den beiden Mächten auf dem Spiel steht. Und die Nato befindet sich heute knapp vor seiner Heimatstadt St. Petersburg.

Doch, da ist schon auch was dran, mindestens aus der Perspektive Russlands. Durch die Osterweiterung der Nato ist der einstige Feind bis an die Grenzen Russlands vorgerückt. Mit den drei baltischen Staaten sind sogar Ex-Sowjetrepubliken Teil der Nato. Das sieht tatsächlich aus Moskauer Sicht nach einem Masterplan vor allem der USA aus, um Russland einzukreisen und zu schwächen. Ich will gar nicht sagen, dass das nicht irgendwo auch angedacht worden ist. Aber für eine objektive Beurteilung der Situation ist doch entscheidend, dass die Initiative für die Osterweiterung der Nato von den ostmitteleuropäischen Staaten ausgegangen ist und nicht vom Westen. Denn ob berechtigt oder nicht: Diese Staaten, vor allem die baltischen Staaten und Polen, fühlen sich einfach von Russland bedroht, wofür es gute Gründe gibt. Und Russland denkt zu sehr in Großmachtkategorien - ebenso wie der Westen manchmal auch, wo man den Ländern "Zwischeneuropas", wie Ostmitteleuropa auch genannt wird, gerne eine untergeordnete Rolle zuweist. Moskau erhebt heute wieder Anspruch auf Hegemonie im postsowjetischen Raum und möchte auch im ganzen ehemaligen sowjetischen Machtbereich seinen Einfluss geltend machen.

Apropos Zwischeneuropa: In Polen gibt es ein Konzept, das vom Staatsgründer Jozef Pilsudski schon verfochten wurde, nämlich "Intermarium", die Idee eines starken Zwischeneuropas zwischen Baltikum, Schwarzem Meer und eventuell auch der Adria. Das sollte natürlich auch ein Schutz- und Trutzbündnis gegen Russland sein. Die regierende PiS in Polen verficht dieses Modell noch heute mit ihrer "Drei-Meere-Initiative", dazu grenzen sich die Visegrad-Staaten vermehrt gegen den Westen und seine liberale Flüchtlingspolitik ab. Hat eine solche Politik mit Abgrenzung zum Westen und Osten eigentlich irgendeine Chance aus Realisierung?

Ich denke, durch die EU und die Nato ist die Bindung dieses Raumes an den Westen so stark, dass es ein wirkliches "Intermarium" als eigenständigen Machtfaktor nicht geben kann. Theoretisch ist natürlich vieles denkbar - aber wenn man sich etwa die unterschiedliche Haltung Polens und Ungarns zu Russland ansieht, sieht man nur wenige Gemeinsamkeiten.

Wie erklären Sie sich eigentlich die Russlandpolitik des ungarischen Premiers Viktor Orban? Er hatte ja in den 1980ern noch in einer mutigen Rede den Abzug der Sowjettruppen gefordert, was ihn bekannt gemacht hat. Heute ist das Verhältnis zu Putin friktionsfrei.

Das ist tatsächlich schwer erklärbar. Der antirussische Reflex in Ungarn ist ja historisch sehr stark. Er ist mindestens 150 Jahre alt - denken Sie an die Revolution von 1848/49, Russland galt in Ungarn lange wirklich als der Erzfeind schlechthin. Es ist schon erstaunlich, dass es möglich ist, in wenigen Jahren die öffentliche Meinung total umzupolen, und zwar bis in weite Bevölkerungsschichten hinein, obwohl es sicher noch immer antirussische Ressentiments gibt.

Wieso macht Orban das?

Vermutlich aus antiamerikanischem Reflex und wohl auch, weil ihm Putin imponiert. In Polen wäre eine solche Wende unvorstellbar, da sitzt der antirussische Reflex noch viel tiefer. Allerdings hätte man auch in Ungarn einen derartigen Politikwechsel vor kurzem noch für extrem unwahrscheinlich gehalten.

In letzter Zeit gab es auch im an sich guten polnisch-ukrainischen Verhältnis Probleme. Als im Vorjahr der Film "Wolyn" in die polnischen Kinos kam, der - ohne dabei gegen Ukrainer zu hetzen - die Morde an Polen durch die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) im Jahr 1943 in Wolhynien thematisierte, regte sich in der Ukraine, in der die UPA zunehmend Heldenstatus hat, Protest. Ist auch das polnisch-ukrainische Verhältnis beschädigt?

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-11 18:00:08
Letzte ─nderung am 2017-08-12 09:30:04



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