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Update: 02.09.2017, 08:29 Uhr

Finnland

Fakten gegen Fake News




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Von WZ-Korrespondentin Simone Brunner

  • In Finnland entwickelte sich früher als woanders ein Bewusstsein für Fake News. Warum man gelassener mit russischer Propaganda umgeht.

Held und Hassfigur: An Russlands Präsidenten Wladimir Putin scheiden sich die Geister. An den regierungsnahen russischen Medien, die im Westen als Propagandasprachrohre gelten, auch.

Held und Hassfigur: An Russlands Präsidenten Wladimir Putin scheiden sich die Geister. An den regierungsnahen russischen Medien, die im Westen als Propagandasprachrohre gelten, auch. Held und Hassfigur: An Russlands Präsidenten Wladimir Putin scheiden sich die Geister. An den regierungsnahen russischen Medien, die im Westen als Propagandasprachrohre gelten, auch.

Helsinki. Es ist eine kalte Samstagnacht im Dezember 2016. In Imatra, einer finnisch-russischen Grenzstadt, nimmt ein junger Mann ein Gewehr, steigt in sein Auto und fährt in die Stadt. Als drei Frauen ein Restaurant verlassen, drückt er ab. Sie sind auf der Stelle tot.

Schnell verbreiten sich in den sozialen Medien Gerüchte: Ein finnischer Offizier, der gezielt drei Russinnen getötet hat. Ein Twitter-Account namens "Imatra News" wendet sich direkt an russische Medien, wie den staatlichen Auslandssender RT (Russia Today). Doch die Meldungen sind falsch: Es hat zwar einen Mord gegeben, doch die Todesopfer sind Finninnen, eine davon ist Lokalpolitikerin. Der Täter ist ein 23-jähriger Mann aus Imatra. Unzurechnungsfähig statt radikal und russophob, wird die finnische Polizei später erklären.



Hätte es ein "Fall Lisa" werden können, wie wenige Monate zuvor in Berlin? Jene Falschmeldung über die Vergewaltigung eines deutsch-russischen Mädchens, über kremlnahe Medien verbreitet, die tausende Russen in Deutschland auf die Straßen trieb? Heute lässt sich das schwer sagen. "Wir haben die Story gekillt", sagt jedenfalls Markku Mantila. Noch in der Nacht hätte ein Beamter in Helsinki die Meldungen auf Twitter richtiggestellt. Auf Finnisch, Englisch und Russisch.

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Wirbel um Sorgerechtsfall
Dass gezielt Falschmeldungen gestreut werden, um Finnen und Russen gegeneinander aufzubringen, ist nicht neu. Bereits 2010, noch lange, bevor im Westen von "Fake News" und einem "Informationskrieg" mit Russland die Rede war, machten in russischen Medien Falschmeldungen über einen Sorgerechtsfall die Runde. Der Vorwurf: Finnische Behörden hätten einer russischen Mutter zu Unrecht das Sorgerecht für ihren Sohn entzogen. Während das Jugendamt die Familienverhältnisse noch prüfte, wurden die finnischen Behörden in russischen Medien schon als "Russenhasser" porträtiert. Der Fall ging sogar so weit, dass der russische Ombudsmann für Kinderrechte nach Finnland reiste.

Das hat die Finnen wachsam gemacht: Als 2014 infolge der Annexion der Krim und des Krieges in der Ostukraine eine russische Propagandawelle über Europa schwappte, rief Markku Mantila, damals Sprecher des finnischen Premiers, einen Krisenstab ins Leben. 23 "Informationsattacken" gegen Finnland haben Mantilas Kollegen seither gezählt, bei denen sie sicher sind, dass sie von Russland aus gesteuert wurden.

Doch nicht immer ist der Fall so eindeutig, wie in Imatra. Max Arhippainen sitzt in der Mensa des Verteidigungsministeriums, nebenan schlürfen die Soldaten ihre Mittagssuppe. Das Ministerium erzählt selbst ein Stück finnischer Geschichte: Das dreistöckige, gelb gestrichene Palais mit der feinen Stuckatur könnte genauso gut im knapp 390 Kilometer entfernten Sankt Petersburg stehen. Das Gebäude wurde zu Zarenzeiten erbaut, als Finnland noch als Großfürstentum Teil des Russischen Reiches war. Zu Sowjetzeiten eng mit Moskau verbunden, ist Finnland heute jedoch Mitglied der EU und Eurozone. Obwohl kein Nato-Mitglied, weht im Innenhof die Nato-Fahne, als Zeichen der engen Kooperation mit dem westlichen Bündnis.

Arhippainen ist Sprecher des Verteidigungsministers und selbst Gründungsmitglied des Krisenstabs. Ein Kernteam von 20 Beamten aus allen Ministerien, der Polizei, der Armee und der Präsidialverwaltung kommt regelmäßig zusammen, um den russischen "Informationseinfluss" - den Ausdruck "Informationskrieg" lehnt Arhippainen als zu martialisch ab - zu besprechen. Rund 100 Beamte wurden außerdem seit 2016 von Harvard-Experten im Umgang mit Fake News ausgebildet. Die Grundregeln zählt er an seinen Fingern ab: Bewusstsein für das Phänomen zu schaffen, sowohl in Amtsstuben als auch in der Gesellschaft. Und Falschmeldungen so schnell wie möglich aus der Welt schaffen.

Jeder Fall ein Fall für sich
Doch der Kampf gegen "Fake News" ist oft auch ein Ritt auf einem schmalen Grat. Was, wenn es nicht einfach um Fakten, sondern um Debatten geht, die kontrovers geführt werden müssen? "Unsere Aufgabe ist es nicht, die Meinungspolizei zu spielen", sagt Arhippainen. "Sondern zu unterscheiden: Was ist eine legitime politische Position und wo werden Informationen gezielt eingesetzt, um finnische Interessen zu schädigen?" Er bringt als Beispiel ein Zitat des früheren Luftwaffenchefs: "Es ist schwieriger, die Hälfte unserer Kampfflieger abzuschießen, als die öffentliche Meinung so zu manipulieren, dass sie erst gar nicht angeschafft werden."

Die Gewissheit, dass eine "Informationsattacke" direkt aus dem Kreml kommt, gibt es freilich nie. Wo hört dann die Propaganda auf, wo beginnt die Paranoia? Kochrezepte gibt es keine; Jeder Fall müsste einzeln analysiert, abgewogen, eingeordnet und auch öffentlich diskutiert werden, sagt Arhippainen. Was fällt auf? Wo gibt es Muster, ein System?

Dass die finnische Regierung nicht einfach nur nach Phantomen jagt, zeigt der Fall Jessikka Aro. Als die Journalistin des Staatsfunks Yle im September 2014 begann, über eine Trollfabrik in St. Petersburg zu recherchieren, geriet sie selbst ins Visier der Propaganda. Sie erhielt Todesdrohungen, wurde als "Medienhure", "Drogendealerin" oder "geisteskrank" geschmäht. In einer Facebook-Gruppe wurde dazu aufgerufen, sie mit Uran zu vergiften. Sie erhielt eine SMS im Namen ihres Vaters, der jedoch schon 20 Jahre zuvor gestorben war: Er sei nicht tot, sondern "beobachte sie", hieß es da. "Die Trolle haben mein Leben in eine Hölle verwandelt", sagt die 36-Jährige heute.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-01 18:03:12
Letzte ─nderung am 2017-09-02 08:29:08



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