• vom 19.09.2017, 18:00 Uhr

Europastaaten

Update: 19.09.2017, 18:35 Uhr

Bundestagswahl 2017

German Zorn




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Von Sandra Gugic

  • Gastbeitrag: Ein Essay über die Hassliebe der Deutschen zu Bundeskanzlerin Angela Merkel.


© Irma Tulek © Irma Tulek

Every election is a chance to choose your enemy, sagt Laurie Penny, ich befinde mich im gut gefüllten Zuschauerraum ihrer Buchpräsentation, die Bühne des Hauses der Berliner Festspiele ist riesig groß, darauf ein Tisch, drei Frauen, drei Mikrofone, in der Mitte eine offensichtlich gut gelaunte Autorin. Manchmal folge ich dem Gespräch, manchmal drifte ich ab, Richtung Ende September, zur bevorstehenden Bundestagswahl und ein Stück weiter, Richtung Oktober, zur österreichischen Nationalratswahl. Mein Lebensmittelpunkt hat sich in den vergangenen Jahren Richtung Berlin verschoben, wählen gehe ich nach wie vor in Österreich. Dort tobt der mediale Irrsinn: Kandidat_innen im TV-Duellmarathon jede_r gegen jede_n, Polit-Monomaniacs und Clickbait-Live-Videos aus der Kindertagesstätte (niedlich) und vom Wirtshausstammtisch (ambitioniert) buhlen um Aufmerksamkeit et cetera. Gegen all das nimmt sich der deutsche Wahlkampf scheinbar unaufgeregt aus.

Die letzten Sommertage verbringe ich mit meinem Partner auf Rügen, in Merkels Wahlkreis. Wir haben Glück, das Wetter hält, wir verbringen die Tage lesend im Strandkorb, ich switche von Peter Nádas Parallelgeschichten zum Essayband Die große Regression. Eine laue Brise weht Gesprächsfetzen von den Nachbarstrandkörben herüber, die bevorstehende Wahl ist allgegenwärtiges Thema. Ein Endzwanziger liegt auf dem Bauch im Sand und wertet mit seinen betagten Eltern die Ergebnisse der Wahl-O-Mat-Fragen aus. Die Strandpromenade säumen Plakate, manche sind beschmiert. An der Fährenanlegestelle hat jemand ein Merkel-Plakat in rassistischem Stumpfsinn mit Ich ficke Neger übermalt. Niemand scheint es zu beachten, und am nächsten Tag ist das Plakat verschwunden. Sonntags fahren wir früher los, um das TV-Duell von Merkel und Schulz nicht zu verpassen. Das Gespräch wird von gegenseitiger Wertschätzung und respektvollem Umgang getragen und enttäuscht die mediale Sensationslust nach einer Schlacht. Merkel zeigt sich gewohnt unerschütterlich, aber auch Schulz landet ein paar Treffer. Im Grundgesetz steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar, da steht nicht, die Würde des Deutschen ist unantastbar, so Schulz über den Umgang mit der sogenannten Flüchtlingskrise.

Information

Zur Autorin

Sandra Gugic, geboren 1976 in Wien, ist eine österreichische Autorin serbischer Herkunft. Sie ist Mitbegründerin von nazisundgoldmund.net, einer Autor*innenallianz gegen die Europäische Rechte und ihre internationalen Allianzen. Ihr Roman Astronauten (C.H.Beck, 2015) wurde unter anderem mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis ausgezeichnet.

Weitere Artikel zur Bundestagswahl finden Sie in unserem Online-Dossier:

www.wienerzeitung.at/deutschland2017

© Dirk Siba © Dirk Siba

An dieser Stelle beginnt der Kippeffekt, wird das subkutane Rumoren hörbar. Umfragen vor der Bundestagswahl 2017 ergaben, dass in der deutschen Bevölkerung eine große Sehnsucht nach Ordnung und Struktur vorherrscht und die Angst, vor den Fremden verschlungen zu werden. Immer gegenwärtiger wird auch der öffentliche Zorn, immer offensichtlicher die Hassliebe zur Bundeskanzlerin. Angela Merkels Wahlkampfveranstaltungen werden von einem organisierten Mob der Zornigen, der Vergessenen und vom System enttäuschten Deutschen gecrashed. Niemand unter diesen Empörten ist gekommen, um zu hören oder gar Fragen zu stellen, sondern einzig, um dem Elitenhass Ausdruck zu geben. Argumente erreichen die Demonstrierenden nicht mehr, sie sprechen vom Staatsrundfunk, der Lügenpresse und schreien Parolen für eine Partei, die sich den Tabubruch zum Programm gemacht hat. Alles dreht sich um die Wahl des Feindes, statt darum, Verbündete und Lösungen zu finden. Es gibt kein Verständnis dafür, dass nachhaltige Lösungen und das Schaffen neuer Strukturen Zeit brauchen. Der Volkszorn flutet Wahlveranstaltungen, das Netz wird zur Bühne für aggressive Pauschalurteile und Hassreden. Die AfD demonstriert ganz konkret durch Aktionen, wie Alice Weidels beleidigtem Abgang aus einer ZDF-Talkrunde, dass den Medien keinesfalls zu trauen ist.

Der liebe Onkel Schulz hingegen scheint den Wähler_innen zu zahm, dabei könnte er weitaus mehr Sympathie generieren. Ein Mann ohne Abitur, der es nach Aufs und Abs weit gebracht hat und propagiert: Berufliche und akademische Bildung müssen gleichgestellt werden. Die Medien allerdings attestieren ihm den Charme eines Zugschaffners mit der Aura eines Sparkassenangestellten. Diese Bezeichnungen zeugen tatsächlich von einer tiefsitzenden Verachtung gegenüber normalen Menschen, dabei könnte Schulz gerade aus diesen Gründen Sympathieträger und Wahlsieger sein. Schulz spricht von einem Aufbruch, den er nicht umsetzen kann, da die Menschen sich aktuell eigentlich neue Sicherheiten wünschen. Und die Mehrheit der Deutschen scheint das Vertrauen in die Sozialdemokratie ohnehin verloren zu haben.

Deutschland wird in der internationalen Wahrnehmung zum Wackelbild, auf der einen Seite das Bild von Deutschland als Insel des Wohlstands und der perfekten Struktur in einem europäischen Meer aus Chaos und Risiken, auf der anderen als marode und verwahrlost in der Umklammerung eines rechtsextremen Hassmobs. Die AfD arbeitet mit dem Schema der identitätsstiftenden Politik, verspricht ein Zuhause für die von der Globalisierung Vergessenen und Benachteiligten. Das propagierte AfD-Wir ist das völkische, normativ deutsche Volk der Immer-schon-da-gewesenen. Die Krachmacher_innen der Wahlveranstaltungen stellen eine radikale Minderheit, welche die Mehrheit eines absoluten Wir für sich beansprucht. Laut AfD sind deren Mehrheitsrechte unbedingt vor Minderheitsrechte zu stellen. Die Wählerwunschmaschine verlangt nach scheinbar einfachen Lösungen, nach politischem Frischfleisch und Polit-Superheld_innen. Die Deutschen sehnen sich danach, einen Platz in der Welt zu finden, einen Arbeitsplatz, einen Kinderbetreuungsplatz, einen angemessenen Wohnraum, einen gottverdammten Parkplatz. Es gilt auch, einen Platz für Geflüchtete zu finden und einen Ort, an dem Einheimische und Geflüchtete lernen können, einander zu begegnen. In dieser von Unsicherheit bestimmten Zeit, in der alle Angst vor allen zu haben scheinen. Die Angst der Mehrheiten vor den Minderheiten, der Wohlhabenden vor den Armen, des Mittelstands vor den Armen, der AfD-Anhänger_innen vor der offenen Gesellschaft. Und vice versa. Eine Liste, die sich endlos weiterführen lässt. Als hätten die einen das Positiv und die anderen das Negativ der Wirklichkeit gewählt. Es gibt eine Trennungslinie zwischen Menschen, die privilegiert sind und die Welt wie eine Speisekarte betrachten, und den anderen, die sie von einem bestimmten, für sie unveränderbaren Ausgangspunkt sehen. Den Heimat- oder Identitätsbegriff zu hinterfragen bedeutet nicht, sich nirgendwo zugehörig oder gesellschaftlich und politisch nicht verantwortlich zu fühlen. Im Merkel-Schulz-Duell fallen beide Schlussplädoyers holprig aus, Schulz wählt als abschließendes Zitat den Dichter und Philosophen Rumi: Jenseits von richtig oder falsch gibt es einen Ort, dort treffen wir uns. Wie wird dieser Sehnsuchtsort sich in Deutschland gestalten, wenn nach der Wahl die immer eindeutiger rechtsextreme AfD im Bundestag sitzt?

Samstagvormittag in Friedrichshain, eine Woche vor der Wahl, ich kaufe Obst, Gemüse und Blumen auf dem Wochenmarkt. Zerstreut nehme ich einen FDP-Folder an und entsorge ihn im nächsten Mistkübel. In einem anderen Teil der Stadt zieht der Karneval der Geflüchteten durch die Straßen, symbolisch wird ein Banner zerrissen, auf dem das Wort Grenzen in verschiedenen Sprachen zu lesen ist, das Motto der Veranstaltung ist: Wir haben keine Wahl, aber eine Stimme, das erklärte Ziel ist, die Angst verschwinden zu lassen. Draußen vor meinem Kiez-Stammcafé blinzle ich in die Sonne, der Spiegel titelt: Alles Wird Wut, das Adjektiv gut plakativ mit WUT überkritzelt. Auf einem Balkon flattert eine Deutschlandflagge im Wind, gerahmt von akkuraten Blumenkisten, einen Stock höher grinst eine knallgelbe Smiley-Flagge verschwörerisch zu mir herunter.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-19 15:33:08
Letzte ─nderung am 2017-09-19 18:35:07



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