• vom 06.10.2017, 07:00 Uhr

Europastaaten

Update: 06.10.2017, 20:04 Uhr

Baltikum

Fluchtpunkt ohne Wiederkehr




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Das Baltikum steht in der Wunschliste vieler russischer Emigranten ganz oben. Grund sind die hohen Standards punkto Menschenrechte und Lebensqualität sowie die kulturelle Nähe zu Russland durch die großen russischen Minderheiten, die es im Baltikum bis heute noch gibt. In Estland sind 25,1 Prozent der Staatsbürger Russen, in Lettland sogar 25,6 Prozent, in Litauen hingegen nur fünf Prozent. Das geht auf die sowjetische Bevölkerungspolitik zurück, als nach dem Zweiten Weltkrieg bewusst Russen im annektierten Baltikum angesiedelt wurden. Nicht zuletzt ist es aber auch die geografische Nähe - von Tallinn ist man in knapp vier Stunden in Sankt Petersburg.

Die drei baltischen Staaten sind heute Mitglied der EU, der Eurozone und der Nato. Rodionow sieht darin einen "Beweis dafür, dass sich auch Russland so entwickeln hätte können". Der Student, der sich selbst als "Anarcho-Kapitalisten" bezeichnet, ist schon seit seiner frühen Jugend oppositionell eingestellt. In seiner Heimatstadt organisierte er Proteste - sehr zum Unmut der Behörden. Schließlich flog er von der Uni. Nach der Annexion der Krim und dem Kriegsausbruch im Donbass ging er ins Exil. Rodionow entschied sich für Riga. Inzwischen studiert er hier Wirtschaft, hat sich einer liberalen Partei angeschlossen und Lettisch gelernt.

60 Prozent Russen
Die größte Stadt des Baltikums war schon immer ein Sehnsuchtsort der westlich orientierten Russen. "Riga war immer ein Tor nach Europa und ein westlicher Posten der Sowjetunion," schreibt der Schriftsteller Alexej Jewdokimow. "Jetzt ist es ein Spiegel, durch den die Russen ihre Träume und ihre Ängste sehen." Inoffiziellen Schätzungen zufolge sind 60 Prozent der Bevölkerung in Riga Russen. Kein Wunder, dass sich 2015 ausgerechnet hier die große russische Exil-Zeitung "Meduza" gründete, nachdem die Medienpolitik in Russland immer repressiver geworden war.

Dass in Estland und Lettland jeder vierte Bürger russische Wurzeln hat, hat das Verhältnis aber auch belastet. Eine rigorose Sprachenpolitik macht die Integration für viele Russen vor allem in Estland und Lettland schwer. Die Esten werfen Moskau immer wieder Interventionen vor, wie etwa 2007, als es bei einer Verlegung eines sowjetischen Kriegerdenkmals zu Protesten und Cyber-Attacken kam. Oder erst unlängst, als die estnische Polizei einen Ring aus Militärspionen des russischen Geheimdienstes FSB aufgedeckt haben soll.

Auf dem Höhepunkt der Ukraine-Hysterie ist auch Artjom Troizkij, ein berühmter russischer Musikjournalist, emigriert. In einem Klima, als Fotos von "Volksverrätern" wie dem später ermordeten Boris Nemzow auf Hauswände plakatiert wurden. "Die Rhetorik ist nicht mehr so aggressiv, wie damals", räumt Troizij ein, der heute in Tallinn lebt. "Aber reale Verbesserungen hat es dennoch nicht gegeben." So ist das Baltikum für viele Russen ein Fluchtpunkt ohne Wiederkehr. Wie Troizkij wollen auch Tschirikowa und Rodionow nicht zurück.

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Schlagwörter

Baltikum, Russland, NGO, Demokratie

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-05 16:57:05
Letzte ─nderung am 2017-10-06 20:04:12



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