• Artikel vom 21.10.2010, 18:33 Uhr

Bühne

Update: 21.10.2010, 18:34 Uhr
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Das Grazer Schauspielhaus zeigt einen spannenden "Hamlet"

Hüllen der Ideologie


Von Reinhard Kriechbaum
  • "Die Zeit ist verreckt. Schlimmes Schicksal, dass ich geboren wurde, sie wieder einzurenken!" - Er könnte heute herumrennen, dieser Hamlet, der die Pubertät noch nicht ganz abgelegt hat. Er glaubt, dass die Haut des Aufmüpfigen, die er sich so gern überzieht, eine gute Tarnung ist - aber Haut ist eben etwas Durchscheinendes. Deshalb erkennt man in jedem seiner Sätze, in jeder seiner Gesten, dass dieser junge Mann viel eher darauf aus wäre, in der Elterngeneration Vorbilder zu erkennen. Aber da ist nichts, das sich abzukupfern lohnte.

Nicht nur sie watet durch abgelegte Kleidungshüllen: Claire Vivianna Sobottke als Ophelia im neuen Grazer "Hamlet". Foto: Peter Manninger

Nicht nur sie watet durch abgelegte Kleidungshüllen: Claire Vivianna Sobottke als Ophelia im neuen Grazer "Hamlet". Foto: Peter Manninger Nicht nur sie watet durch abgelegte Kleidungshüllen: Claire Vivianna Sobottke als Ophelia im neuen Grazer "Hamlet". Foto: Peter Manninger

Den Altvorderen möchte man lieber nicht die Hand geben: Claudius (Stiefvater und Mörder von Hamlets Vater) ist ein Politiker, der wahrscheinlich alles immer richtig macht, weil er seine Sache aalglatt argumentierend verkauft. Gertrud, Hamlets Mutter hat offenbar Schwierigkeiten mit dem Älterwerden. Sie ist ein rechtes Püppchen. Polonius, der Minister (Vater von Hamlets Geliebter Orphelia), ist ein wortgewandter Schwätzer mit Besserwisser-Miene. Sie tragen Maßanzüge und haben Bodyguards.

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Freche Textübertragung

Die tendenziell freche Textübertragung (Marius von Mayenburg) verstärkt - obwohl nicht weit vom Original entfernt - den Eindruck, dass wir nicht im faulenden Staate Dänemark alter Tage, sondern ganz im Heute sind. Das Gespür für Verhaltensnormen ist der Elterngeneration abhanden gekommen, und ein Junger wie Hamlet irrt vorbilderlos im ideologischen Nirvana umher. So aktuell also ist Hamlet, und so stylish bringt ihn der Niederländer Theu Boermans im Grazer Schauspielhaus auf die vorerst ganz leere Bühne.

Szene um Szene fallen Unmengen an Kleidungsstücken malerisch vom Schnürboden herab. Eine Hose hat andere Flugeigenschaften als eine Schürze, eine Strumpfhose fliegt anders als ein Sakko. Das gibt optisch was her. Bald waten die Protagonisten im Gewand-Plunder, den man auch als abgelegte Selbst-Bilder lesen könnte: Kleider machen Leute.

Die Aufführung lebt von präzise gezeichneten Charakteren. Claudius Körber ist dieser Leitlinien suchende junge Mann, der so sympathisch wirkt, dass man ihn am liebsten an der Hand nehmen wollte. Pikant, dass sein alter Compagnon Horatio (Leon Ullrich) wie ein Spät-Achtundsechziger hergerichtet ist. Damals wussten Studenten noch, wo es lang geht. Der hitzköpfige Laertes (Rahul Chakraborty), die wohl von Elite-Unis kommenden Rosenkranz und Güldenstern (Gustav Koenigs, Alexander Knaipp): anschauliche Spielarten heutiger Twenties. Auch nicht von schlechten Eltern ist Stefan Suske als Claudius, der gewiss von vielen gewählt würde, wenn man seinen Namen ankreuzen müsste. Ein wenig zu viel des Guten macht Ophelia (Claire Vivianne Sobottke), sie lebt Frust und Wahnsinn recht handfest aus.

Spannend also, dieser neue Grazer "Hamlet", den man auch wegen Mayenburgs Übersetzung mit Interesse wahrnimmt. Sein oder Nichtsein? Manches geflügelte Wort kommt ganz fremdartig daher: "Am dänischen Staat ist irgendwas verfault." Und eben nicht nur dort.

Theater

Hamlet

Von William Shakespeare

Theu Boermans (Regie)

Schauspielhaus Graz

Aufführungen bis 19. Dezember



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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2010-10-21 18:33:30
Letzte Änderung am 2010-10-21 18:34:00

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