
Den Altvorderen möchte man lieber nicht die Hand geben: Claudius (Stiefvater und Mörder von Hamlets Vater) ist ein Politiker, der wahrscheinlich alles immer richtig macht, weil er seine Sache aalglatt argumentierend verkauft. Gertrud, Hamlets Mutter hat offenbar Schwierigkeiten mit dem Älterwerden. Sie ist ein rechtes Püppchen. Polonius, der Minister (Vater von Hamlets Geliebter Orphelia), ist ein wortgewandter Schwätzer mit Besserwisser-Miene. Sie tragen Maßanzüge und haben Bodyguards.
Freche Textübertragung
Die tendenziell freche Textübertragung (Marius von Mayenburg) verstärkt - obwohl nicht weit vom Original entfernt - den Eindruck, dass wir nicht im faulenden Staate Dänemark alter Tage, sondern ganz im Heute sind. Das Gespür für Verhaltensnormen ist der Elterngeneration abhanden gekommen, und ein Junger wie Hamlet irrt vorbilderlos im ideologischen Nirvana umher. So aktuell also ist Hamlet, und so stylish bringt ihn der Niederländer Theu Boermans im Grazer Schauspielhaus auf die vorerst ganz leere Bühne.
Szene um Szene fallen Unmengen an Kleidungsstücken malerisch vom Schnürboden herab. Eine Hose hat andere Flugeigenschaften als eine Schürze, eine Strumpfhose fliegt anders als ein Sakko. Das gibt optisch was her. Bald waten die Protagonisten im Gewand-Plunder, den man auch als abgelegte Selbst-Bilder lesen könnte: Kleider machen Leute.
Die Aufführung lebt von präzise gezeichneten Charakteren. Claudius Körber ist dieser Leitlinien suchende junge Mann, der so sympathisch wirkt, dass man ihn am liebsten an der Hand nehmen wollte. Pikant, dass sein alter Compagnon Horatio (Leon Ullrich) wie ein Spät-Achtundsechziger hergerichtet ist. Damals wussten Studenten noch, wo es lang geht. Der hitzköpfige Laertes (Rahul Chakraborty), die wohl von Elite-Unis kommenden Rosenkranz und Güldenstern (Gustav Koenigs, Alexander Knaipp): anschauliche Spielarten heutiger Twenties. Auch nicht von schlechten Eltern ist Stefan Suske als Claudius, der gewiss von vielen gewählt würde, wenn man seinen Namen ankreuzen müsste. Ein wenig zu viel des Guten macht Ophelia (Claire Vivianne Sobottke), sie lebt Frust und Wahnsinn recht handfest aus.
Spannend also, dieser neue Grazer "Hamlet", den man auch wegen Mayenburgs Übersetzung mit Interesse wahrnimmt. Sein oder Nichtsein? Manches geflügelte Wort kommt ganz fremdartig daher: "Am dänischen Staat ist irgendwas verfault." Und eben nicht nur dort.
Theater
Hamlet
Von William Shakespeare
Theu Boermans (Regie)
Schauspielhaus Graz
Aufführungen bis 19. Dezember
Zuerst drei klamme Proleten, die den zinsgierigen Hausbesitzer abmurksen. Dann ein kleinbürgerliches Heim, wo Großmutter ihren Lebensplatz räumt...weiter
Michelle Bachelet, 2006 bis 2010 Staatspräsidentin von Chile, leitet heute in New York die UN-Frauen-Organisation...weiter
Radikal in seiner Schlichtheit als Mann-Frau-Dialog an einem Gartentisch, maßlos aufgemotzt in der Ausführung - als Theater auf dem Theater...weiter
Zu den vielen Dingen, die der Menschheit verwehrt sind, darf seit Sonntag auch dies zählen: die Beziehung zwischen Staatsoper und ihrem Orchester zu...
weiter
Zürich.In Russland gehört Alexander Borodins "Fürst Igor" seit jeher zum festen Bestandteil des Repertoires, denn das Werk eignet sich ideal zur...
weiter
Der Bühnenraum im Künstlerhaustheater als Kinderzimmer-Dschungel, dekoriert mit Laubgirlanden wie für eine Party. Spielzeugsoldaten...
weiter
Das Back to Back Theatre, das heuer sein 25-jähriges Jubiläum feierte, zählt zu den profiliertesten Theatergruppen des australischen Theaterlebens...
weiter
Es gibt Dinge, die ein Mann tun muss. Und es gibt Situationen, die echte Helden erfordern. Zum Beispiel, wenn nachts in Österreichs größtem...
weiter
Jetzt ist es passiert: Seine Kinder haben zu Heinz Hofbauer "Oida" gesagt. Aber das stimmt doch bitteschön gar nicht...
weiter
Tänzelnd muss man sich schon über den Hof des Wiener Museumsquartiers bewegen, um über Wegelagerer überhaupt erst zum Eingang zu gelangen...
weiter
Es ist in der Tat unglaublich, was Choreograf Javier De Frutos, Sadler's Wells London und das als Pet Shop Boys bekannte Pop-Duo Neil Tennant und...
weiter