• vom 15.08.2011, 19:56 Uhr

Bühne

Update: 15.08.2011, 23:56 Uhr

Peter Handkes Kärnten-Stück "Immer noch Sturm": Uraufführung bei den Salzburger Festspielen

Die Slowenen zum Sprechen gebracht




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Von Hans Haider aus Hallein

Oda Thormeyer als Mutter und Bibiana Beglau (oben) als Schwester Ursula in Peter Handkes Stück "Immer noch Sturm".

Oda Thormeyer als Mutter und Bibiana Beglau (oben) als Schwester Ursula in Peter Handkes Stück "Immer noch Sturm".© APAweb / Gindl Oda Thormeyer als Mutter und Bibiana Beglau (oben) als Schwester Ursula in Peter Handkes Stück "Immer noch Sturm".© APAweb / Gindl

Claus Peymann wollte im Burgtheater Peter Handkes dramatische Erzählung "Immer noch Sturm" herausbringen. Doch der Meister kalkulierter Erregungsspiele kapitulierte vor der wundersam langsamen, gedanken- und empfindungstiefen Sprechpartitur über die Kärntner Slowenen, ihren Widerstand im Deutschen Reich, ihre Assimilation bis heute.


Der mit Heiner Müller in Deutschland zu Regieehren gekommene Dimiter Gotscheff empfahl sich als Regisseur für die Uraufführung bei den Salzburger Festspielen. Er hat den Selbstbehauptungswillen südslawischer Völker im Kopf und vielleicht auch im Blut. Und jedenfalls die Melodik des Volksgesangs.

Sandy Lopicic, mit bosnischen Wurzeln, malt in seiner Musik nicht nur Folklorekulissen. Sie bildet auch Dissonanzen, Brüche ab in der bäuerlichen Kultur des Jaunfelds. Katrin Brack ließ das schwarze Bühnenmaul, groß wie ein Hangar, undekoriert. Aus dem Bühnenhimmel rieseln stetig grüne, gelbe, braune Blätter. Ein schimmernder Spielboden aus Laub, so real wie irreal. Hier soll, mit vielen Sprüngen auf der Zeitachse, ein erzählendes "Ich" seine slowenischen Großeltern, seine Mutter und deren Geschwister sowie sich selbst zum Sprechen bringen.

"Sprache retten ist Seele retten", bekennt Handke in seinem Kompendium poetischer, philosophischer, politischer Positionen (viele davon sind im Erschrecken vor großen Worten wieder aufgehoben), von Verwünschung und Heldenverehrung, Selbstbezichtigungen und Liebeserklärungen, Blödelei ("Wie heißt der Erfinder der Schuhlöffels") und Erlösungssehnsucht.

Die zu rettende Zunge ist die slowenische. In Onkel Gregors 1936 handgeschriebenem Werkbuch zum Obstbau ("Sadjarstvo!") klingt sie paradiesisch rein wie eine Schöpfungsgeschichte. Tilo Werner hält es überm Kopf wie die Bibel in der lateinischen und orientalischen Messe. Gregor wird sieben Jahre später in die Wälder abtauchen zu den Partisanen - wie zuvor seine "düstere" Schwester (Bibiana Beglau), die gefoltert und getötet wird. Bruder Benjamin (Heiko Raulin) fällt als Wehrmachtssoldat.

Valentin kehrt vom Urlaub "heim in den fremden Krieg" - und nie zurück. Die jüngere Schwester (Oda Thormeyer), für den Ich-Erzähler "Meine Mutter", von einem deutschen Soldaten schwanger, flieht aus dem Druck von Familie und Volksgruppe nach Berlin. Das Wickelkind in ihren Armen: ein Kuckuck im Nest, ein Volksfeind. Mit fast siebzig Jahren wird sich dieses vaterlose Kind eine Ahnengalerie auf Papier ausmalen. Mit Lebensfarben und Traumpasten. Seinem Buch stellte Handke ein Zitat von Georges Bernanos voran. Einzig "den Kindern, den Helden und den Märtyrern", so der Prediger für den Renouveau catholique und die Résistance, gehöre der für "eine Errettung noch zugängliche Teil der Welt".

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Dokument erstellt am 2011-08-14 18:17:59
Letzte Änderung am 2011-08-15 23:56:55



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