Man muss in den Annalen des Burgtheaters weit zurückblättern, um auf eine Inszenierung von "Endstation Sehnsucht" zu stoßen. Nun hat Dieter Giesing das längst in den Klassiker-Kanon eingegangene Südstaaten-Drama, mit dem Tennessee Williams 1947 seinen Durchbruch feierte und das auch in der Verfilmung von Elia Kazan zum Welterfolg wurde, endlich wieder auf den Prüfstand gestellt: in einer subtil ziselierten, die Atmosphäre der 50er Jahre spiegelnden Inszenierung, schlichtweg ideal besetzt mit Dörte Lyssewski und Nicholas Ofczarek.
Letzte Zuflucht
Bei geöffnetem Vorhang hat das Publikum noch vor Beginn der Vorstellung genug Zeit, sich in der Wohnung der Kowalskis umzuschauen. Karl-Ernst Hermann hat ihnen auf der in den Zuschauerraum hineinragenden Spielfläche mit Gespür für sordide Ästhetik ein helles, leicht renovierungsbedürftiges und ohne Stilgefühl möbliertes Appartement in Pastellfarben - Leitfarbe Rosa - eingerichtet.
Arme-Leute-Behausungen sehen anders aus. Doch Blanche, die, einen Koffer mit sich schleppend, aus der linken Seitentür auftritt und mühsam die Stufen zur Bühne erklimmt, kann ihre Bestürzung nicht verbergen. Für sie ist es unbegreiflich, dass ihre Schwester ausgerechnet in diesem herabgekommenen Vorort von New Orleans zu Hause sein soll. Trotzdem ist es die einzige Zuflucht der einst umschwärmten, nun vom Alkohol schwer gezeichneten Südstaaten-Beauty, nachdem ihr der gesamte hochherrschaftliche Familienbesitz unter den Fingern zerronnen ist.
Dörte Lyssewski zeigt mit unüberbietbarer Intensität die letzte Schicksalsphase einer Frau, die mit der Lebensrealität und dem Älterwerden nicht zurechtkommt. Zunächst hält sie, stets auf perfektes Jungmädchen-Styling bedacht, vor Schwester und Schwager mit geziertem Charme die Fassade aufrecht, verstrickt sich aber zusehends in Lügen.
Nicholas Ofczarek als Stanley Kowalski, der zu seiner proletarischen Herkunft steht, ist über den unerwarteten Besuch alles andere als erfreut. Ofczarek zeigt ihn als geradlinigen, seiner Virilität bewussten, aber nicht den Sex-Protz hervorkehrenden Mann, der seine Frau wirklich liebt, wenn auch auf Macho-Art.
Wenn er allerdings ausrastet, sobald ihm das feine Getue zu viel wird, tobt er seine Wut nicht nur am Mobiliar aus. Die ruhige, unprätentiöse Stella verbirgt ihren sich von Bild zu Bild rundenden Babybauch nicht, wie damals üblich, unter wallenden Umstandskleidern. In der Darstellung von Katharina Lorenz liegt weit mehr als nur sexuelle Hörigkeit.
Zerplatzte Träume
Als Stanley Blanches wahrer Vergangenheit auf die Spur kommt, macht er gnadenlos reinen Tisch. Bei ihrem von Stella liebevoll arrangierten Geburtstagsessen konfrontiert er sie damit, dass sie während der vergangenen Jahre mit wechselnden Männerbekanntschaften in letztklassigen Hotels untergeschlüpft ist und ihren Job als Englischlehrerin wegen einer Affäre mit einem Schüler verloren hat. Damit nimmt er Blanche den letzten Rettungsanker, die Hoffnung auf eine Ehe mit Stanleys Poker-Freund Mitch (Dietmar König). Nach einem erschreckenden physischen und psychischen Zusammenbruch gleitet Blanche aus der Realität in eine Traumwelt hinüber, in der sie Millionäre auf ihre Yachten einladen.
Stella bleibt nichts anderes übrig, als ihre Überstellung in eine Klinik zu veranlassen. Dem Arzt, der sie abholt, reicht sie am Ende lächelnd den Arm: eine zerstörte Frau, im weißen Kleid, das Gesicht nicht von gedrechselten Locken, sondern wirren nassen Strähnen umrahmt - aber in Haltung und Auftreten das junge Mädchen, das sie früher gewesen sein muss.
Am Ende wird der Horst der Freischärler, die Schule, von ihnen selbst abgefackelt. Die Matratzen und Schulmöbel werdend um Norma und Pollione...
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Düsseldorf. Christoph Meyer, Intendant der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, erfährt derzeit auf die harte Tour...
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