"Wiener Zeitung":

Herbert Föttinger: Was Horváth in den "Geschichten aus dem Wiener Wald" demaskiert, ist genau dies: Er reißt die Fassade ein und zeigt eine unglaublich ungemütliche, brutale Gesellschaft. Ohnehin müssen alle Stücke, die ich inszeniere, ungemütlich sein. Die Frage lautet also: Wie bringt man Ungemütlichkeit auf die Bühne? Wo beginnt es, schmerzhaft zu werden? Das interessiert mich.
Wie spüren Sie die Schmerzpunkte bei Horváth auf?
Indem wir die Figuren so schonungslos zeigen, wie von Horváth beabsichtigt. "Geschichten aus dem Wiener Wald" menschelt, entgegen oft geäußerter anderer Auffassungen, keinen Moment lang. Gerade darin liegt aber auch die Gefahr, dass man versucht, diesen Umstand zu kaschieren. Dagegen kämpfe ich als Regisseur an.
Mit dem Nestroy-Stück "Kampl" gaben Sie 2004 an der Josefstadt Ihr Regiedebüt. Damals äußerten Sie sich in einem Interview mit der "Wiener Zeitung" skeptisch darüber, ob Sie der Aufgabe gewachsen seien. Als Hausherr der Josefstadt inszenieren Sie seit der Saison 2006/2007 jährlich mindestens eine Aufführung. Wie gehen Sie heute mit Ihren Zweifeln um?
Wir leben in einer Welt, in der man glaubt, nur das ausüben zu können, was man gelernt hat. Insofern war ich bei der Arbeit an "Kampl" noch skeptisch, da ich mich dem Metier eines Regisseurs an einem großen Haus erst anzunähern hatte. Mittlerweile habe ich mich mit dem Gedanken, Regisseur zu sein, angefreundet. Das ist allgemein so bei mir, ich muss in jede neue Aufgabe erst hineinwachsen, bevor ich diese verinnerlichen und akzeptieren kann. Ich habe beispielsweise eine Weile gebraucht, bis ich wirklich begriffen habe, dass ich Schauspieler bin. Für den Beruf hatte ich zwar ein Diplom. Ein Zeugnis in der Hand zu halten, heißt jedoch noch lange nicht, den Herausforderungen gewachsen zu sein. Als ich in der Josefstadt anfangs mit "Herr Direktor" angesprochen wurde, dauerte es übrigens eine Zeit, bis ich mich davon wirklich angesprochen fühlte.
Ihr Vertrag wurde kürzlich bis 2016 verlängert. Wie lautet Ihre Zwischenbilanz?
Die Josefstadt ist offener und zeitgemäßer geworden. Das Gegenwartstheater hat sich durch etliche Uraufführungen neuen Raum erobert. Wir folgen konsequent einer zeitgemäßen Ästhetik, um unsere Vorstellung von Theater zu etablieren. In den Kammerspielen ist es zudem geglückt, gehobenes Unterhaltungstheater durchzusetzen.
Wo orten Sie dennoch Handlungsbedarf?
In der Josefstadt müsste die Schraube noch weiter gedreht werden, um vermehrt jüngere Theatergeher zu gewinnen, ohne dabei das ältere Publikum zu vergraulen. Ich möchte von der Stigmatisierung, die Josefstadt sei ein konservatives Traditionshaus, endlich wegkommen, weil dies überhaupt nicht zutrifft. Das ist ein schwieriger Prozess, der noch stärkerer Anstrengung bedarf. Das sind Vorhaben, die mich beschäftigen.
Im Herbst vergangenen Jahres rechneten Sie öffentlich vor, dass die Josefstadt trotz 13,5 Millionen Euro Subventionen ab 2012/13 keine Gehaltserhöhungen mehr bezahlen wird können, es könnte zu Sparpaketen und Kündigungen kommen. Werden die Drohungen bald Wirklichkeit?
Im Moment haben wir keine Probleme - und stehen wirtschaftlich gut da. Wir könnten aber massive Schwierigkeiten bekommen, sollten die Inflationsanpassungen von Bund und Stadt Wien nicht mitgetragen werden. Mit diesem Dilemma sind übrigens sämtliche Wiener Bühnen konfrontiert.
Das Gerücht geht um, dass die Werkstätten geschlossen werden sollen.
Nein. Das entbehrt jeder Grundlage.
Wie steht es um die Sanierungspläne der Kammerspiele?
Der Umbau ist mit 12 Millionen Euro veranschlagt und wird in der Saison 2012/13 stattfinden. Wir sind in der einmaligen Lage, dass wir acht Millionen über private Sponsoren aufgetrieben haben, und hoffen nun, dass Bund und Stadt Wien je zwei Millionen übernehmen werden.
Haben Sie Pläne für die Zeit nach 2016, für eine Karriere außerhalb der Josefstadt?
Sie fragen mich, was ich nach 2016 machen werde, und ich fiebere der Premiere am kommenden Donnerstag entgegen. So schaut mein Theaterleben aus.
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