
In der Carnegie Hall griff Verblüffung um sich. Eben noch umschmeichelte Béla Bartóks neues Stück das Uraufführungspublikum mit einer sanften Melodie - nun schien das Orchester von der Tarantel gestochen. Oder besser gesagt: von einer Operetten-Tarantel. "Da geh ich zu Maxim, dort bin ich sehr intim . . .": Derb verzerrt, plärrte der Schlager mitten in Bartóks "Konzert für Orchester" los - erstmals im letzten Winter des Weltkriegs, im Dezember 1944. Ein bitterer Scherz, meinen heute viele. Schließlich zählte die Operette mit dem "Maxim"-Hit, Franz Lehárs "Lustige Witwe", zu den Lieblingswerken Adolf Hitlers. Und der war der Grund, warum auch Bartók Europa verließ. Bereits 1945 starb er verarmt in New York.
Für seine letzte grelle Musik-Pointe gibt es zwar noch eine andere Erklärung: Opfer des Spottes sei eigentlich Dmitri Schostakowitsch gewesen, der die Lehár-Melodie kurz zuvor zu einem wüsten Bolero gesteigert hat. Doch wie auch immer: Bartóks Zitat war kein Ausfluss von Heiterkeit. Eher eine Abrechnung mit Kitsch, Dumm- und Derbheit. Drei Wörter, die man gewiss auf die Ästhetik der NS-Kunst münzen kann. Nicht wenige heutige Hörer würden sie aber wohl gegen die Operette schlechthin ins Treffen führen. Bartóks "Konzert für Orchester" mag ihnen als Sinnbild gelten: Als wäre die Operette nur ein kurzes Störgeräusch in der gloriosen Musikgeschichte des Abendlandes.
Belcanto ist nicht Trumpf
Dass ein unheilvoller Zusammenhang zwischen braunen Hemden und leichter Muse bestand, lehrt nun auch die neue Ausstellung "Welt der Operette". Die Nazis, so heißt es im Katalog, hätten dem Genre nicht nur kurzfristig den politischen und frivolen Pfeffer ausgetrieben. Ihr Hang, Urgesteine der Gattung weihevoll respektive altvaterisch anzulegen, hätte dann auch auf die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs abgefärbt. Ein Missverständnis also. Ein schreckliches noch dazu, suggeriert die Kernthese von Kurator Kevin Clarke. Zumindest ihrem Ursprung nach sei die Operette nämlich kein outrierter Ulk für Biedermänner gewesen. Clarke spricht vielmehr von der "Geburt der Operette aus dem Geist der Pornographie".
Wer das für grotesk hält, sollte bei Émile Zola nachschlagen: Im Bann der Operette lustwandeln die Figuren seines Romans "Nana" (1880) durch ein nächtliches Paris. Tatsächlich rumorte das Genre ab den 1850ern, sein Kreativzentrum hieß Jacques Offenbach. Dass damals eher Busen als Belcanto Trumpf war, macht Zolas Titelheldin rasch klar. "Als ihr Couplet auf den Schluss zuging, blieb ihr vollkommen die Stimme weg, und sie begriff, dass sie nie zu Ende kommen würde. Da gab sie sich einfach in aller Ruhe einen Ruck mit den Hüften, wobei sich unter der dünnen Tunika alle Rundungen markierten, verneigte sich mit wogender Brust und breitete grüßend die Arme aus. Lauter Beifall brach los. Sofort wandte sie sich um und trat zurück; dabei zeigte sie ihre Hinterfront, auf die das rotblonde Haar wie die Mähne eines Tieres herabfiel. Und der Beifallssturm wurde rasend."
Für solche Szenen musste Zola seine Fantasie nur mäßig strapazieren. Nana ist mehr oder minder ein Abbild von Offenbach-Star Hortense Schneider. Die legte auf züchtige Kleidung, ob nun auf oder abseits der Bühne, wenig Wert, verkehrte mit finanzkräftigen Herren und ließ sich in der Pause von den Häuptern Europas hofieren. Spitze Zungen nannten ihr Boudoir die "Prinzenpassage": Selbst der englische Thronfolger soll dort vorstellig geworden sein.
Ein früher "Playboy"
Mit diesem Moral- und Stoffverzicht stand Schneider nicht allein da: 1867 befeuerte Cora Pearl ihre Wirkung als Cupido ("Orpheus in der Unterwelt") durch ein Outfit allein aus Edelsteinen. Wobei eine Pariser Operetten-Spielstätte sowieso ein Krypto-Bordell gewesen sein soll. Stücke wie Offenbachs "Pariser Leben", heutzutage ein biederes Brimborium für Bustouristen, waren dank ihrer Halbwelt-Handlung auch Anheizer für eine allfällige After-Party. Wer wusste schon, was der Abend noch bringt? Zumal, wenn die leichte Muse mit ebensolchen Mädchen einherging, die sich wegen rigider Gesetze als Künstlerinnen ausgaben. Apropos Gesetz: Das ließ Offenbachs Moralübertritte vermutlich gewähren, weil sie als Bestandteil der grotesken, überzeichneten Geschichten gelten konnten. Erotische Schärfe, doch auch intellektuell in der Satire: Was Offenbach den betuchten Pariser Dandys kredenzte, erinnert ein wenig an das Konzept von "Playboy"-Gründer Hugh Hefner 100 Jahre später.
Auch Offenbach hatte im Ausland Erfolg - und Nachahmer. Als in Wien ab den 1860ern neuer Wohlstand aufkam, waren auch die "Offenbachiaden" zur Stelle, ebenso die liederlichen Lieder eines Franz von Suppé. Und Strauß ließ bald die - in punkto Partnerwahl flatterhafte - "Fledermaus" auf das Publikum los. Ein wohlhabendes Publikum übrigens. Trotz der inkriminierten Verworfenheit des Genres rangierten die Kartenpreise der (unsubventionierten) Häuser in empfindlicher Höhe.
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