• vom 09.02.2012, 16:15 Uhr

Bühne

Update: 09.02.2012, 16:55 Uhr
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Aret Güzel Aleksanyan garantiert als Derwisch volle Häuser - ein Porträt des Leiters des Interkulttheaters

"Ich bin keine Märchentante"


Von Petra Rathmanner

  • Orient-Kabarett als Brückenschlag zwischen Naschmarkt und Bazar.

Wachsamer Blick für die Parallelgesellschaften: Der Schauspieler Aret Güzel Aleksanyan macht als Derwisch orientalische Erzähltradition in Wien bekannt.

Wachsamer Blick für die Parallelgesellschaften: Der Schauspieler Aret Güzel Aleksanyan macht als Derwisch orientalische Erzähltradition in Wien bekannt.

Wien. Der Orient beginnt in Wien-Mariahilf, in unmittelbarer Nähe zum Naschmarkt. Betritt man das Interkulttheater in der Filgradergasse, ist es, als ob man in einem Boudoir aus Tausendundeiner Nacht ankommt. Das Foyer des Kellertheaters ist mit dicken Teppichen und glitzernden Stoffen dekoriert, eine Wahrsagerin wartet auf Kundschaft. Nüsse, Feigen, gefüllte Weinblätter oder honigtriefendes Baklava liegen zur freien Verköstigung auf, auch am Samowar kann man sich selbst bedienen und eine Tasse Schwarztee holen.

Information

Derwisch erzählt 6: Kreuzkümmel und Morgenrot
Aret Güzel Aleksanyan
Interkulttheater
Wh.: Mi.–Sa., bis 31. März

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Kulinarischer Brückenschlag
Das Ambiente bedient das Klischee der sprichwörtlichen arabischen Gastfreundschaft und scheint ebenso wichtig zu sein wie der Theaterabend selbst.

Es ist übrigens ratsam, sich im Bühnenraum, der etwa Platz für 100 Besucher bietet, rechtzeitig einen Platz zu reservieren, denn wenn "Derwisch erzählt" auf dem Spielplan steht, ist das Haus fast regelmäßig ausverkauft.

Aret Güzel Aleksanyan, der Leiter des Interkulttheaters, hat 2006 die Kunstfigur Derwisch für sich selbst kreiert, die in diesem Fall nichts mit Religion und Sufismus zu tun hat, dafür gibt es umso mehr Berührungspunkte mit den traditionellen orientalischen Geschichtenerzählern.

Pünktlich um 19.30 Uhr betritt Aleksanyan die kleine, leer geräumte Bühne und beginnt seinen launigen 90-minütigen Vortrag. Die sechste Ausgabe der Erfolgsserie "Derwisch erzählt" trägt den Titel "Kreuzkümmel und Morgenrot" und verhandelt Kulinarisches. Er verrät etwa das Rezept seiner Mutter für die besten gerollten Weinblätter, erzählt die tragikomische Geschichte eines Istanbuler "Kebabkünstlers" und geht der Frage nach, wie eine nichtssagende Speise wie Nudelsalat jemals auf den hiesigen Speiseplan gelangen konnte.

In seiner kabarettartigen One-Man-Show verquickt er selbst Erlebtes mit Erzählungen arabischer Autoren, im jüngsten Programm wird dabei dem renommierten Romancier Rafik Schami und dem türkischen Kishon, Osman Engin, Reverenz erwiesen. Auf diese Weise entsteht eine einnehmende Mischung aus kritischen Gegenwartsbeobachtungen und orientalischen Lebensweisheiten, ein kurzweiliger Brückenschlag zwischen Wiener Naschmarkt und Istanbuler Bazar. Die erzählten Episoden werden regelmäßig von traditionellen Tanzeinlagen der persischen Tänzerin Mandana Alavi Kia unterbrochen.

"Ich bin keine Märchentante", stellt Aleksanyan im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" fest. "Mein Anliegen ist es vielmehr, beide Kulturen miteinander in Beziehung zu setzen. Humor ist für mich dabei ein probates Mittel, um politische Bezüge herzustellen und einen wachsamen Blick zu bewahren." Aleksanyan (Jahrgang 1954) ist als Kind armenischer Kaufleute in Istanbul aufgewachsen und hat dort das österreichische Gymnasium besucht. 1974 kam er nach Wien, um am Max Reinhardt Seminar Schauspiel zu studieren. "Damals war die Stadt von einer Aufbruchstimmung erfasst, und ich wollte hier mein Glück machen."

Die Kraft des Theaters
Nach Engagements in der freien Szene - etwa im Ensembletheater und im Schauspielhaus - gründet der Schauspieler 1988 seine erste Bühne, eine semiprofessionelle türkischsprachige Truppe. "Ich habe Theater für die in Wien lebenden türkischen Gastarbeiter gemacht - und hatte regelmäßig volle Häuser." Darüber hinaus hat er ein Jugendzentrum für Kinder der zweiten Generation geführt.

Schließlich gründete er 1992 das Interkulttheater, das sich seit jeher als Ort des Austausches der Kulturen verstanden hat.

Den mit Abstand größten und anhaltendsten Erfolg feierte die Kellerbühne mit der Solo-Nummer des Impresarios. Die Teile eins bis fünf des Programms brachten in den letzten Jahren mehr als 40.000 Zuschauer ins Interkulttheater, und auch die aktuelle Ausgabe läuft mit einer durchschnittlichen Auslastung von 90 Prozent. Ein Ende der Reihe ist nicht in Sicht - "solange das Publikum sich das wünscht, geht es weiter".

Geht es um seinen künstlerischen Auftrag, erläutert der Theatermacher Programmatisches: "Integration ist in unserer Gesellschaft ein zentrales Thema, das vor allem auf medialer und politischer Ebene verhandelt wird, im künstlerischen Bereich gibt es bis dato nur eine unzureichende Auseinandersetzung. Auf diesem Gebiet weiter zu arbeiten ist für mich unerlässlich", sagt Aleksanyan. "Denn ich bin davon überzeugt, dass die Kraft des Theaters à la longue etwas in der Gesellschaft bewegen kann."




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-02-09 16:20:07
Letzte Änderung am 2012-02-09 16:55:00


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