
Wien. Mit den "Jagdszenen aus Niederbayern" debütierte Martin Sperr 1966 als Dramatiker, erst 22 Jahre alt. In diesem Klassiker des sozialkritischen Volkstheater blasen die Dörfler zum Halali auf Abram, den arbeitslosen Sohn einer Taglöhnerin. Den leicht debilen Burschen Rovo soll er angegangen sein, behauptet die Metzgerin, eine bösartige Trutschn. Abram will nicht schwul sein und hat die Magd Tonka geschwängert. Die lässt, so kokett wie verzweifelt, auch Zahlungswillige an den Leib. Den Abram will sie in eine Heirat zwingen, darum sticht er sie in Panik tot. Die Dörfler jagen und greifen ihn. Abram endet im Zuchthaus, Rovo hängt sich auf. Die Anständigen feiern ihr Erntedankfest und spendieren das Kopfgeld auf Abram für die Reparatur der Kirchenorgel.
Ob im Bauerndorf, in der Siedlung, im Hochhaus: Wer homophiler Neigung verdächtigt wird, zieht auch heute Aggression auf sich – und sogar Gewalt selbstgerechter Sozialpolizisten. Martin Sperr, gestorben 2002, bestimmte das Dorf Reinöd (nahe Landshut) im Jahr 1948 als Schauplatz. Kurz nach dem Krieg warteten viele Frauen auf die Toterklärung vermisster Männer - weil sie einen neuen Gefährten heiraten wollte. So auch die Bäuerin Maria mit dem behinderten Sohn am Hals und dem Knecht im Bett. Doch Schirin Khodadadians Regie enthebt das Geschehen der alten Zeit sowie dessen realem Ort.
Für die 17 Szenen stellt Hugo Gretler einen Meter über dem Bühnenboden eine Simultankulisse als unfertige Baustelle. Dorf und Wald, Innen- und Außenräume aus nichts als unverputzten Holzpaneelen und Gipskartonplatten. Sichtlich ein Um- und Ausbau, wo die Raumhöhe gestreckt und der neue Hauseingang schon aus Beton gegossen ist. Rostige Stahlständer tragen eine neue Decke. Diese flächige Simultanbühne schafft keinen tiefen Spielraum, aber überzeugt als Symbolbild. Es will sagen: Lasst euch nicht von der nachgerade urbanen Modernisierung täuschen, die Dorfgesellschaft bleibt, wie sie war - dumpf, brutal, mörderisch gerecht.
Die in vielen deutschen Stadttheatern schon erfolgreiche Regisseurin (mit Wurzeln in Iran) verstärkt den Terror der Dorfmehrheit mit grobem Lärm. Da wird gehämmert, gesägt, elektrogebohrt, Bretter knallen aufeinander, Tische und Bänke werden umgeworfen. Bis im Schlusschor alle harmonisch die lustige Jägerei bejubeln.
Martin Sperrs Zwangsharmonisierung kennt keine klare Trennung von Tätern und Opfern. Auch die Bedrängten und Beleidigten gehen aufeinander los. Simon Mantei, der Abram, hat aus der Verschüchterung in die Mörderrolle umzusteigen – die erste behagt ihm besser. Umso beeindruckender Claudia Sabitzer mit Angstschweiß auf der Stirn in den Gefühlwechseln zwischen Beschützerin und Rabenmutter. Robert Prinzler holt mit extremer Zurückhaltung das Beste aus Rovo heraus. Die Mutter (Martina Slip) und ihr Knecht Volker (Günter Franzmeier) werden schön heftig von ihren Gelüsten durchgeschüttelt. Die Metzgerin (Heike Kretschmer) glänzt in Bösartigkeit, der Jungknecht (Patrick O. Beck) stänkert wie blöd, kann aber zuschlagen.
Mit der ausgebeuteten und zu freigiebigen Tonka feiert das Elend ein Hochamt. Nanette Waidmann bringt diesen Mittelanker des Dramas mit aller Kraft zum Drehen. Aus dem Teufelskreis konnte eine Dorfjungfer als Sekretärin flüchten – Nina Horváth zeigt, dass Stadtluft hübsch gesund macht. Die Honoratioren im Dorf gefallen sich in gefährlichem Biedersinn (Erwin Ebenbauer, Alexander Lhotzky) bis hin zur Karikatur. Bis auf winzige Fehlstellen ein Ensemble der Volksstück-Klasse, die im Volkstheater viel zu selten erreicht wird. Schirin Khodadadian wurde die behutsame Harmonisierung von Bild, Ton, Rollenspiel mit freudigem Applaus gedankt.
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