• vom 06.03.2012, 16:45 Uhr

Bühne

Update: 06.03.2012, 18:09 Uhr

Gespenster

David Bösch - Mut zur Emotion




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Von Petra Rathmanner

  • Erfolgsregisseur inszeniert Ibsens "Gespenster" im Akademietheater
  • Bösch über Courage, Konzepte und Schwebezustände.

David Bösch diagnostiziert den Figuren aus Ibsens Familiendrama "Gespenster" Depressionen.

David Bösch diagnostiziert den Figuren aus Ibsens Familiendrama "Gespenster" Depressionen.© Anna Stöcher David Bösch diagnostiziert den Figuren aus Ibsens Familiendrama "Gespenster" Depressionen.© Anna Stöcher

Wien. Am Freitag dieser Woche, 19.30 Uhr, wird David Bösch vermutlich einige unbeschwerte Stunden verbringen. Zu diesem Zeitpunkt nimmt die Premiere von Henrik Ibsens "Die Gespenster" im Akademietheater unwiderruflich ihren Lauf. Während Kirsten Dene und Martin Schwab auf der Bühne zugange sind, befindet sich Bösch, der Regisseur der Inszenierung, in einer Art Schwebezustand. "Man kann jetzt nichts mehr dafür machen - und muss zugleich noch nichts Neues anfangen. Es ist, als ob die Zeit für die Dauer der Aufführung einfach stillstünde", so Bösch im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".


David Bösch, 34, zählt zu den gefragtesten Regisseuren seiner Generation. Seit dem Abschluss seines Regiestudiums in Zürich 2004 ging es bei ihm Schlag auf Schlag: Bei den Salzburger Festspielen ließ er mit der knalligen Simon-Stephens-Aufführung "Port" aufhorchen; dem verstaubten Liebesdrama "Romeo und Julia" hauchte er anschließend heutiges Lebensgefühl ein. Böschs Bochumer Shakespeare-Adaption war derart erfolgreich, dass der damalige Intendant - und heutige Burg-Chef - Matthias Hartmann diese bei seinem Wechsel nach Zürich mitnahm; aktuell sorgt die als mitreißendes Liebesspiel inszenierte Arbeit am Wiener Burgtheater für volle Ränge.

Auf pralle Wirkung setzen
Die Häuser reißen sich um den Nachwuchsregisseur. Mit "Woyzeck" stand er kurz vor einer Einladung zum renommierten Berliner Theatertreffen, mit "Viel Lärm um nichts" gewann er 2006 den Young Directors Award der Salzburger Festspiele. Dem Spiel à la Bösch scheint etwas eigen zu sein, was dem Theater im deutschsprachigen Raum offenbar abgeht. Bösch gilt als Regisseur, der keine Scheu vor Emotionen auf der Bühne zeigt, sondern auf pralle Wirkung setzt; sein Zugriff auf die Stücke ist sinnlich und geradlinig. "Das Theater muss dem Kino keineswegs die großen Gefühle überlassen", fordert Bösch. Bisweilen irritiert Böschs hoher Grad an Verspieltheit - als "Theater für Bravo-Leser" wurde seine Arbeit bereits abgekanzelt.

Mentor Hartmann - Bösch hat in Wien weiters Dea Lohers "Adams Geist" und "Stallerhof" von Franz Xaver Kroetz inszeniert - über den Nachwuchsstar: "David Bösch ist ein Regisseur für Schauspielerinnen und Schauspieler, nicht unbedingt ein Konzeptionist. Er ist ein Grübler, der seine Figuren seziert, der unermüdlich forscht, bis er herausgefunden hat, was sie in ihrem Innersten bewegt. Und, glauben Sie mir, er findet in jedem Drama die Liebesgeschichte!"

Anti-Regiezampano
Bösch verkörpert das Gegenbild zum Regiezampano: verwuscheltes Haar, offene Schuhbänder, Hemdzipfel aus dem Hosenbund. Im Gespräch wirkt er nachdenklich und aufgeschlossen zugleich. Den Weg zur Bühne fand der im ländlichen Westfalen Geborene zufällig. Die eigene Schreibkarriere kam nicht richtig vom Fleck, also machte er bei einem Jugendtheaterprojekt mit. Wie geht Bösch, der bereits mit 20 plus Shakespeare auf die große Bühne hievte, mit dem Phänomen der Fast-Forward-Karriere um? "Die Suchbewegung ist heute anders als am Anfang, als man einfach drauflosmachte. Es wird eigentlich immer schwieriger, je mehr man weiß." Es gehe mittlerweile vorrangig darum, Mut zu zeigen, Neues zu probieren, ja nicht saturiert zu werden, starke Setzungen zu wagen.

Bei Böschs aktueller theatraler Erkundung - Ibsens beklemmendem Familiendrama "Die Gespenster" - geht es etwa um die Verstrickungen in einem Netz aus Lebenslügen. Im Zentrum der Handlung steht die Witwe eines Hauptmanns, die mit ihrem Vermögen ein Kinderheim errichten ließ. In der Nacht vor der Einweihung brennt das Heim bis auf die Grundfesten nieder - angesichts der Katastrophe offenbaren sich die Familiengeheimnisse, Alkoholsucht, Syphilis, Liebesverrat, betrogene und verstoßene Kinder. Das Zentralmotiv bei Ibsen für Bösch? Die fehlende Lebensfreude. "Alle Figuren benützen ständig dieses Wort, um auszudrücken, dass in ihrem Leben etwas fehlt, dass ungestillte Sehnsüchte vorhanden sind. Heute würde man vielleicht sagen: Sie haben Depressionen." Während auf der Bühne Ibsens Sehnen nach dem Lebensglück Gestalt annimmt, wird David Bösch hinter der Bühne Ausschau halten nach seinem Moment des Glücks.




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Dokument erstellt am 2012-03-06 16:50:11
Letzte Änderung am 2012-03-06 18:09:59



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