"Wiener Zeitung": Herr Benning, gehen Sie noch ins Theater?
Achim Benning: Ich gehe immer, wenn meine ehemaligen Studenten aus dem Reinhardt-Seminar etwas inszeniert haben.
Sie sind Ehrenmitglied des Burgtheaters, doch in der Ehrengalerie habe ich Ihr Porträt nicht gefunden.
Ich auch nicht. Aber ich habe ein Ehrenzeichen der Stadt Wien erhalten, das muss sich wohl um einen liebenswürdigen Irrtum handeln. Ansonsten bin ich, wie Max Reinhardt gesagt hat, trockenen Fußes durch den österreichischen Ordensregen gekommen.
Sie traten das erste Mal im Burgtheater 1959 auf, noch als Reinhardt-Seminarist.
Ich wurde als Regieassistent und Schauspieler engagiert. Anfangs habe ich auch Regieassistenzen gemacht, bei Gielen, Steinboeck, dann aber wurde ich so oft als Schauspieler besetzt, dass die Assistenzen unmöglich wurden.
Damals musste man ja des öfteren am selben Abend in der Burg und im Akademietheater auftreten und sich manches Mal im VW-Bus umziehen, etwa auf der Fahrt von Strindbergs "Nach Damaskus" zu Shakespeares "Heinrich VI.".
Ihre Essays und Reden zwischen 1976 und 2010, die Sie nun als Buch mit dem Titel "In den Spiegel greifen" veröffentlicht haben, sind wohl eine Art Vermächtnis?
Nein, nur eine Auskunft. Vor allem deshalb, weil der Herausgeber, Peter Roessler, der ein seriöser Wissenschafter und kein abhängiger Lohnschreiber ist, darin eine neutrale kritische Darstellung meiner zehn Jahre als Direktor des Burgtheaters vorgenommen hat. Ein kluger und kenntnisreicher Versuch, dem bemerkenswerten Vergessen und Verdrängen dieser vom Kalten Krieg geprägten Kultur-Zeit entgegen zu wirken.
Ihr Vorgänger Gerhard Klingenberg, der sich auch noch bester Gesundheit erfreut, schrieb eine Autobiographie mit dem provokanten Titel "Kein Blatt vor dem Mund". Aus seiner Direktionszeit erinnert man sich besonders an den Zwist mit Thomas Bernhard, der für die Uraufführung der "Jagdgesellschaft" 1974 zwar seinen Wunschregisseur Peymann durchboxte, doch statt Bruno Ganz bekam Joachim Bißmeier die Rolle des Schriftstellers - später ein glänzender Magnetnamen Ihrer Direktion. Peymann sagte Ihnen nach, er habe Ihr "verschnarchtes" Burgtheater endlich aufgeweckt.
Dass ich keine Autobiographie geschrieben habe, ist kein Ausdruck von Bescheidenheit, sondern eine hohe Form der Eitelkeit. Ich stelle gewisse Ansprüche an gedruckte Texte. Nach Alexander Granachs "Da geht ein Mensch" und Fritz Kortners "Aller Tage Abend" sollte man als Autobiograph, als Ghostwriter oder als Auftragsschreiber erst einmal ein Jahrhundert lang den Mund halten. Gerade die Autobiographien von Theaterleuten unterliegen in besonderem Ausmaß den "Erinnerungsfälschungen", ein Wort von Arthur Schnitzler. Doch wenn sie gedruckt sind, werden sie zu Dokumenten, und die Theaterwissenschafter benutzen sie als Quellen - das finde ich lächerlich.
Zu Peymanns scharfsinnigen Schnarch-Analysen habe ich nichts zu sagen, habe aber damals erstaunt zur Kenntnis genommen, dass die Wiener Kunst-Bürger glücklich und dankbar dafür waren, dass sie Zeitgenossen der eigentlichen Gründung des Burgtheaters sein durften und die alte Geschichtsklitterung, dass dieses Theater 1776 von Joseph II. gegründet wurde, endlich als peinliche Irreführung entlarvt wurde.
Vergessen wir Ihre Prophezeiung von 1975, ihre Direktion werde "im günstigsten Fall vier Jahre dauern, denn ich bin von Beruf Schauspieler und Regisseur". 1976 bekannten Sie sich in einer programmatischen Schrift zu einem "glaubwürdigen Theater, das die Wirklichkeit vergegenwärtigt und unsere Sehnsüchte am Leben erhält". Und: "Die aufklärerischen Ansprüche haben das Theater oft stranguliert, da sie, insbesondere im deutschen Sprachraum, immer wieder eine Waffe der Doktrinäre und Oberlehrer geworden sind". Trotz dieser liberalen Positionierung wurden sie bald Zielscheibe einer rechten Jagdgesellschaft, voran FPÖ-Obmann Friedrich Peter. Man spürt noch heute eine gewisse Verbitterung.
Ich bin nicht verbittert. Im Gegenteil. Ich bin sehr froh, dass ich als Burgtheater-Direktor in der Kreisky-Zeit arbeiten konnte. Aber es ergibt sich für jeden denkenden Menschen die Frage, die sich auch Max Frisch stellte: War meine Zeit meine Zeit? Also: Keine Verbitterung, sondern unendliche Verwunderung über die Wienerische Amnesie, wenn ich etwa im ORF die Meldung höre, wie sich Claus Peymann für Václav Havel eingesetzt hat, und dann die ganzen Havel-Freunde auftauchen und sagen: "Mein Freund Václav hat . . . ." Da kommt man aus dem Staunen wirklich nicht heraus. Havel hat als Präsident selber gesagt: Das Unangenehmste sind die neuen Freunde, die man von früher kennt.
In Ihrem Burgtheater wurde Havel so intensiv als Hausautor gepflegt wie unter Peymann nicht einmal Turrini, Bernhard, Jelinek. Wann haben Sie Havel das letzte Mal getroffen?
Im November 2010 hat sich in Prag der Schauspieler Pavel Landowsky, der an der Burg Zuflucht gefunden hatte, von der Bühne verabschiedet. Ich war als Ehrengast eingeladen. Da sollte Havel auch kommen, er hat damals in Prag einen Film gedreht, "Odcházení", deutsch "Abgang". Er musste absagen, es ging ihm schon sehr schlecht. Dann kamen 2011 die großen Abgänge - von Klaus Juncker, dem Chef des Rowohlt-Theaterverlags, ohne den Havel nicht zu denken war, von Jiři Grusa und von Havel selbst. Da ist eine ganze Welt verschwunden.



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