• vom 18.04.2012, 16:21 Uhr

Bühne

Update: 19.04.2012, 17:06 Uhr
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Wiener Kammeroper

Die Wirklichkeit als Alptraum


Von Lena Draić

Das Theater als Illusionsmaschine, die uns Erlösung von der trostlosen Wirklichkeit verheißt, andererseits das ebenso illusionäre Streben nach unverfälschter Realität, die sich letztlich doch als (Alp-) Traum entpuppt: Dieses Spannungsverhältnis steht im Zentrum von Markus Lehmann-Horns Musiktheater "Woyzeck 2.0 - Traumfalle", das die Neue Oper Wien am Dienstag zur Uraufführung brachte. Seine literarische Grundlage - Michael Schneiders im Büchnerjahr 1987 veröffentlichte Novelle "Suchbild Woyzeck" - erhält in Zeiten des Online-Datings neue Aktualität.

Information

Oper
Woyzeck 2.0 - Traumfalle
Markus Lehmann-Horn
(Musik, Libretto)
Walter Kobera (Dirigent)
Alexander Medem (Regie)
Wiener Kammeroper
Wh.: 20., 22. und 25. April

DieLiebenden: Jennifer Davison und Johann Leutgeb

DieLiebenden: Jennifer Davison und Johann Leutgeb DieLiebenden: Jennifer Davison und Johann Leutgeb

Im Mittelpunkt der Handlung steht die Schauspielerin Klara, die soeben die Marie in "Woyzeck" gespielt hat und in Briefkontakt mit dem Häftling Georg tritt, in dem sie eine Reinkarnation von Büchners unglücklichem Frauenmörder zu erblicken meint. Klara steigert sich in eine fanatische Leidenschaft, um sich zuletzt in aller Drastik die Realitätsferne ihrer Liebe eingestehen zu müssen.

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Für die gegensätzlichen Welten des Theaters und der Haftanstalt, die einander dann doch wieder auf erstaunliche Weise zu ähneln beginnen, hat Gilles Gubelmann eine visuelle Umsetzung von beeindruckender Schlichtheit gefunden: eine Reihe hintereinander geschichteter, sich zum Bühnenhintergrund hin verjüngender Rahmen weisen Gefängniszelle wie Theaterbühne als nach außen abgeschottete Sphären aus, welche die Freiheit stets auf der anderen Seite vermuten lassen.

Wahnsinn der Liebe
In der Regie von Alexander Medem liefern Jennifer Davison (Sopran) und Johann Leutgeb (Bariton) eine eindrucksvolle Darstellung der sich in ihren Wahn hineinsteigernden Liebenden; vokal stiehlt ihnen allerdings die in Nebenrollen agierende Mezzosopranistin Celia Sotomayor die Show.

Markus Lehmann-Horns Partitur basiert auf seiner eingehenden Auseinandersetzung mit Bergs "Wozzeck", die in komprimierter Form auch die ersten 30 Sekunden von "Woyzeck 2.0" ausmacht.

Der 1977 geborene Komponist begann seine Karriere im Bereich der angewandten Musik und schreibt erst in jüngerer Vergangenheit zunehmend für den Konzertsaal. Bereits im Einführungsgespräch, das der Premiere vorausging, verriet er einen entspannt-undogmatischen Zugang zur Stilpluralität der Gegenwart. Dieser erwies sich auch in der Praxis: Lehmann-Horn kombiniert in "Woyzeck 2.0" zwanglos verschiedene musikalische Idiome - vom Berg-Zitaten über den Jazz bis hin zum absichtsvoll anachronistischen Dur-Dreiklang - und bedient sich zu illustrativen Zwecken gekonnt klangfarblicher Mittel, die vom amadeus ensemble wien eindrucksvoll umgesetzt wurden. Sieht man allerdings von ihrem funktionalen Charakter im Dienst des Bühnengeschehens ab, könnte diese Musik - für sich genommen - wohl kaum bestehen.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-18 16:26:03
Letzte Änderung am 2012-04-19 17:06:09


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