Wien. Es erinnert fast an jene Expedition, von der eigentlich die Aufführung erzählt: Nach 188 Vorstellungen in Paris und Gastspielen in Lyon, Nantes, Athen, Sao Paulo, Rio de Janeiro, Porto Alegre und Santiago de Chile erleidet ab Sonntag die Truppe des Theatre du Soleil in Wien "Schiffbruch mit verrückter Hoffnung". Für eine Persönlichkeit an Bord ist es eine Heimkehr: Erzherzog Johann Salvator von Habsburg-Toskana. Das historische Vorbild bat 1889 um seine Entlassung aus dem Kaiserhaus, nahm einen bürgerlichen Namen an, kaufte sich ein Dampfschiff und soll 1890 bei heftigen Stürmen am Kap Hoorn untergegangen sein.
Das vierstündige Spektakel, mit dem die 73-jährige "Sonnenkönigin" Ariane Mnouchkine zum vierten Mal nach 1992 ("Die Atriden"), 1995 ("Tartuffe" und "La Ville parjure") und 2008 ("Les Ephemeres") bei den Wiener Festwochen gastiert, geht frei und fantasievoll mit der historischen Wahrheit um. Den Anfang nimmt der spektakuläre Theaterabend mit einer aus der österreichischen Geschichte wohlbekannten Begebenheit - der Tragödie von Mayerling. Erzählt wird allerdings nicht von einem privaten Liebesdrama, sondern von politischen Utopien kaiserlicher Sprösslinge, die umgehend vom Geheimdienst Seiner Majestät unschädlich gemacht werden müssen.
Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gegen Despotie und Monarchie
Schiffbruch erleiden nämlich nicht nur abenteuerlustige Versprengte, die mit Eingeborenen auf Feuerland ein experimentelles Gesellschaftsmodell starten, sondern auch alle Hoffnungen auf einen Sieg von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gegen Despotie und Monarchie. Statt Revolution und Gerechtigkeit folgt das Massensterben auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs.
Als eine der Vorlagen für die verschachtelte Handlung, an der Mnouchkines "Hausautorin" Helene Cixous mitgeschrieben hat, diente ein posthum veröffentlichter Roman von Jules Verne, "Die Schiffbrüchigen der 'Jonathan'". Wie schon bei "Les Ephemeres" hat Mnouchkine jedoch auch Elemente ihrer eigenen Familiengeschichte eingebaut: Ihr Vater Alexandre Mnouchkine war in Russland Filmproduzent und ließ seine kleine Tochter mitunter statieren. Und so sind Mayerling und die Folgen eigentlich Stummfilmszenen, die von einer Gruppe künstlerischer wie politischer Querköpfe am Vorabend des Kriegsausbruches auf dem Dachboden einer Gaststätte gedreht werden.
Das Belle-Epoque-Lokal "Au Fol Espoir" wird nun vom 20. bis 28. Mai in der Messe Wien aufgebaut und dient ganz nach Art des Theatre du Soleil dem Publikum auch als Labestation. Man sollte sich die unnachahmliche Theater-Kreation keinesfalls entgehen lassen, nicht nur der zahlreichen Österreich-Bezüge wegen. Das Theatre du Soleil ist so etwas wie ein lebendes Fossil in einer Zeit, in der Effizienzanalyse und Cost Counting auch am Theater allmählich Enthusiasmus und ungezügelte Kreativität ersetzen. Und schließlich ist bald nach dieser Premiere im deutschsprachigen Raum, die nur durch die Absage einer USA-Tournee zustande kam, endgültig Schluss: Am 28. August soll im Rahmen des Edinburgh-Festivals die 290. und letzte Vorstellung der Produktion stattfinden. Dann ist die "verrückte Hoffnung" zu Grabe getragen und der "Schiffbruch" endgültig.
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