Radikal in seiner Schlichtheit als Mann-Frau-Dialog an einem Gartentisch, maßlos aufgemotzt in der Ausführung - als Theater auf dem Theater, mit zweitem Bühnenrahmen und rotem Samtvorhang schräg an der Hinterwand, Dörte Lyssewski und noch mehr Jens Harzer zu Action angetrieben, wie sie nicht im (schon erschienenen) Suhrkamp-Buche steht. Festwochenchef Luc Bondy übertünchte die poetisch-musikalische Strenge von Peter Handkes "Die schönen Tage in Aranjuez" mit Kunstgewerbeschnörkel. Erinnert sich die Frau ans Hutschen als Zehnjährige, wiegt sich eine junge Statistin auf einer Schaukel; sagt sie "Geschlecht", greift ihr der Mann an den Schritt; memoriert sie "Die Katze auf dem heißen Blechdach", quälen sich Liz Taylor und Paul Newman als Filmprojektion. Die Eisenbahnschiene, mit der die namenlose Frau und ihr erster Liebhaber, so sagt sie, eine Bauhütte aufgebrochen haben, liegt noch immer vor einem Behelfsklo mit Vorhang und elektrischem Licht.
Ein Spiel zu zweit mit viel Requisite
Verneigung vor der Magie des Wortes, das Gestalt werden lässt, wovon man spricht? Nein, eher Horror Vacui vor einem Text, der wortwörtlich darauf pocht, kein Drama zu sein. Das "postdramatische Theater", an dem sich heute die halbe A-Liga des Kunstbetriebs hochrankt, bedient Bondy vielleicht ironisch, doch allzu dick. Das Spiel zu zweit mit zu viel Requisite beginnt hinter dem geschlossenen Theatervorhang. Blumensträuße von einer Verbeugungsparade verwelken auf dem Bühnenboden, den die Dichtertochter Amina Handke weit ins Parkett des Akademietheaters vorrückte.
"Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende." Dieser erste Satz in Schillers "Don Karlos" gehört einem Beichtvater. Mann und Frau bekennen Stilles und Lautes, Epiphanien und Katastrophen des Lebens. Was man halt weiß über Frauen als Nicht-Zölibatär mit 70. Und man halt miteinander redet, wenn man sich näherkommen will - was den beiden erst kurz vor dem Sterben auf zärtlichste Weise gelingt.
Eine männlich dominierte Struktur ist dem Dialog unterlegt: Die Frau muss sich tiefer entblößen, das beginnt bei der Menarche und Defloration. Die Konfessionen des Mannes sind die eines sensiblen Schönheitssuchers, Natur- und Menschenschauers (den Kinder als "Blumen des Guten" faszinieren) sowie eines Weltumarmers wie der Heilige Franz von Assisi, der vor Spatzen niederkniet, die im Sand baden und den lautlosen Flug der Rotkehlchen hört. Handke, wie er war - als Roman-Wandersmann in Alaska, im Salzburger Moos, in der Estremadura.
"Frau" nennt "Mann" zuletzt kokett Fernando, so hieß der Herzog von Alba, der den Infanten vernichtete. Er ist wohl auch ein Nachbild des verrückt liebenden Don Karlos, des toleranten Malteserritters Posa und des Inquisitors. Die Frau: weder Eboli noch Elisabeth, vielleicht beide. Der Mann stirbt, ehe er sein Liebesziel erreicht. Posa und Karlos sterben bei Schiller.
Für Jens Harzer, schon in "Immer noch Sturm" ein Handke-Substitut, heißt es hüpfen und springen in vielen Maskeraden. Auf die Bühne krabbelt er halb bekleidet mit Hofhalskrause aus einem Kellerschacht. Ziviler, heutiger, französischer werden die Kostüme, offener die Gesten bis hin zur Slapstick-Nummer mit dem Mann als patschertem Kellner. Dörte Lyssewski weiß zu strahlen wie eine Königin und zu kichern wie eine launische Verliebte. Ihre noble Distanziertheit rettet aus der finalen Melodramatik. Schüsse, Theaterblut, das Sommerspiel ist aus, der Herbst zieht ein in Aranjuez. Die Premierengäste dankten mit halber Begeisterung. Der Dichter blieb fern.
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