• vom 13.06.2012, 17:59 Uhr

Bühne

Update: 13.06.2012, 18:28 Uhr

Verdi

Zweite Chance für die Stimme - und eine Wien-Premiere




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christoph Irrgeher

  • Simon Keenlyside über "Don Carlo", Regietheater und eine Stimmkrise.

Fasziniert vom Machtdiskurs: Simon Keenlyside. - © Robert Newald

Fasziniert vom Machtdiskurs: Simon Keenlyside. © Robert Newald

Wien.Sollen wir Englisch sprechen? "Zu einfach", sagt Simon Keenlyside auf Deutsch. Der Bariton sucht auch abseits der Bühne die Herausforderung. Und das Wissenswerte. So ist er bei seinen Wien-Visiten nicht auf den Arbeitsort Staatsoper fixiert. Der gebürtige Londoner, der seine höhere Ausbildung mit einem Zoologiestudium begonnen hat und sich als Teenager die Vogelstimmen Europas eingeprägt hat, flaniert gern im Wienerwald, pilgerte zuletzt zum Schneeberg. Auch Institutionen wie das Burgtheater sind ihm nicht fremd, wo er "Don Carlos" sah. "Fantastisch", schwärmt der 52-Jährige über das Schiller-Stück, "viel tiefer als die Oper."


Für diese Oper - genauer: die italienische Fassung des Verdi-Werkes - weilt er nun in Wien. Während die französische Version in der Regie Peter Konwitschnys im Repertoire bleibt, lebt das italienische Pendant am 16. Juni in einer Inszenierung des Dirigenten-Sohns Daniele Abbado neu auf; Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst dirigiert. Und Keenlyside verkörpert an der Seite von Kollegen wie René Pape und Ramón Vargas wieder einmal den Marquese von Posa, der die tragische Titelfigur für humanistische Ziele begeistert.

"Bin nur ein Rädchen"
Den Briten fasziniert aber weniger sein Part als das Stück selbst. "Meine Rolle ist nur die eines kleinen Rädchens im Uhrwerk. Hier geht es um politische Macht und Manipulation, und diese Diskussion ist interessant." Könnte man diese Debatte nicht auch pessimistisch nennen? Immerhin manipulieren König Philipp II. und die Kirche skrupellos ihr Umfeld, Posa stirbt - und Carlos, der Königssohn, muss auf seine Liebe verzichten. "Ich würde eher sagen: realistisch", meint Keenlyside. "Das Leben ist nicht schwarzweiß, sondern grau. Wenn man das deprimierend findet, hat man ein deprimierendes Leben." An der szenischen Umsetzung von Abbado hat der Engländer jedenfalls seine Freude: Die Regie sei stark auf die Beziehung zwischen den Protagonisten fokussiert, auf üppige Ausstattung werde verzichtet. Wobei Ausstattung für Keenlyside nichts mit der Regie selbst zu tun hat und vom dramatischen Kern ablenken könne - ob nun durch konservative Bilderflut oder Regietheater.

Letzteres hatte der Brite ja bei seiner Wien-Premiere 2009, dem "Macbeth" in Vera Nemirovas Regie, am Hals - einem Abend, der dann auch üppig mit Buhrufen ausgestattet war. "Eine unlogische Regie", sagt Keenlyside heute; damals habe er versucht, das Projekt kooperativ durchzustehen. Es sei "tapfer" vom einstigen Direktor Ioan Holender gewesen, dass dieser die (auch musikkritisch befehdete) Produktion nach der ersten Spielserie abgesetzt habe.

Unfall als Warnung
Neue Wien-Premiere, neues Glück also - wobei der Bariton bereits gröbere Probleme glücklich überstand und dadurch eine "zweite Chance" erhielt. Vor drei Jahren hat Keenlyside nämlich einen "Unfall mit den Stimmbändern" gehabt: Die Kombination aus Familienleben und einer längeren US-Tournee habe ihn ins Spital gebracht. "Das war eine Warnung für mich, nun geht es gut." Jetzt müsse Keenlyside halt leider auch zu Hause ab und zu ein professioneller Sänger sein - und darum ein stiller Papa.




Schlagwörter

Verdi, Staatsoper, Premiere, Oper

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-06-13 15:56:04
Letzte Änderung am 2012-06-13 18:28:31



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Troll und Tod
  2. Fleiß, Herzblut, Achtsamkeit
  3. Oscar-Nominierungen werden bekanntgegeben
  4. Maria auf dem Tagada
  5. Seide, Eis und Zarathustra
Meistkommentiert
  1. Kurz besucht Berlin - "taz" kommentiert mit Biss
  2. "Trocknen Sie die homogenen Sümpfe aus"
  3. Kunst- und Kulturverbände präsentieren Forderungen an die Regierung
  4. Tagebuch des Untergangs
  5. Alles gut im zweiten Anlauf

Werbung



Wissensdurstig, neugierig, seelenvoll und nachdenklich sieht David Bowie auf den Aufnahmen aus. Hier in August Wallas Zimmer.

Die 75. Golden Globes wurden zur Bühne der Frauen mit einer Kampfansage an Sexismus, Missbrauch und Benachteiligungn. "Ich möchte, dass heute alle Mädchen wissen, dass ein neues Zeitalter am Horizont anbricht", sagte die US-Entertainerin Oprah Winfrey in ihrer Dankesrede nach Empfang des Ehrenpreises für ihr Lebenswerk - und rührte viele im Saal zu Tränen. "Zu lang wurden Frauen nicht angehört oder ihnen wurde nicht geglaubt, wenn sie den Mut hatten, gegen die Macht von Männern aufzubegehren." Deren Tage seien nun gezählt. Jetzt müssten alle dafür kämpfen, dass es in Zukunft niemanden mehr gibt, der als Opfer "Me too" sagen muss, mahnte Winfrey. Zur ganzen Rede Ein Gruppenfoto der PreisträgerInnen.

CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey, Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte.

Werbung



Werbung


Werbung