
Eher passt ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Touristenbus durch die Salzburger Hofstallgasse. Jedenfalls zur Premierenzeit: Da gafft der Zaungast, promeniert die Prominenz. Und weil zwischen beide Fraktionen am Mittwochabend wohl nicht einmal mehr ein Programmheft gepasst hätte, wirkte der Bus gut 20 Minuten wie ein gefesselter Gulliver auf der Insel Liliput.
Den Intendanten freuts sicher: Nach den Negativschlagzeilen über zu wenig Abnehmer für sein pralles Sommerprogramm schlägt Alexander Pereiras "Bohème" sichtbar ein wie eine Bombe. Ein Selbstzünder, gewissermaßen. Der Überhit der Opernwelt mit den Übersängern Beczała (Piotr) und Netrebko (die): Risiko, wo ist dein Stachel?
Ein Sängerfest mit
Orchester-Plus
Und ein Sängerfest wars dann auch. Mitunter, da intoniert Netrebko zwar schon einige Millimeter neben der Spur. Trotzdem ist sie ohnegleichen. Wenn sie Mimìs Ermattung in gleitenden Tonhöhen hörbar macht, das Vibrato einen Tick schneller, nervöser schwirren lässt, durchdringt selbst noch dieser leise Wehklang wie selbstverständlich das Große Festspielhaus. Und wo Puccini das große Gefühl verlangt, ist diese Todgeweihte sowohl vokal als auch darstellerisch wieder einmal das pralle Musiktheater-Leben. Und Beczała als Rodolfo? Ist die Stimme nicht gefordert, vermittelt sie charmante Natürlichkeit. Die Spitzentöne nimmt der Pole dann aber mit der Lust des Überqualifizierten: Kein Ariengipfel, den der schluchzige Sprung dieses Krafttenors nicht erklömme.
Nicht nur ihm ist Dirigent Daniele Gatti ein verlässlicher Zeremonienmeister: Im genüsslichen Bravourmoment senkt er das Tempo ins Bodenlose. Wobei Gatti nicht nur sänger-, sondern auch detailfreudig arbeitet. Wenn die Bühne jedoch Sendepause hat, pendelt sein Dirigat wendig zwischen Extremlautstärken. Hat man das alles auch in der ORF-Fernsehübertragung so plastisch gehört? Es säuselt der süße Sextakkord, wuchern aber auch die Streicher, flirren die Farben. Ein Hoch den Wiener Philharmonikern; ein Hoch aber auch Kräften wie Alessio Arduini (Schaunard) und Massimo Cavalletti (Marcello), der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor und all den Kinderstimmen, die das Puccini-Glück perfekt machen. Nun ja, fast perfekt: Nino Machaidze klingt - auch für ein fahriges Fräuleinwunder vom Schlage der Musetta - eine Spur zu flackrig. Glücklich, wer nur solche Probleme hat. Denn die Geißel dieses Ohrenschmauses heißt Regie. Verantwortlich dafür ist ein Mensch namens Damiano Michieletto.
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