Wien. Mit Giuseppe Verdis Oper zum sizilianischen Befreiungskampf, "I Vespri Siciliani", steht in der Wiener Staatsoper am kommenden Sonntag (9.9.) die erste Wiederaufnahme-Premiere der noch jungen Saison an. Unter Gianandrea Noseda am Pult wird die Inszenierung von Herbert Wernicke aus 1998 wieder auf den Spielplan gesetzt, in der schon damals der italienische Bassbariton Ferruccio Furlanetto den sizilianischen Rebellenführer Procida gab. Im Gespräch wehrt sich der Wien-Stammgast und international gefragte Verdi-Interpret gegen "brillante" Regieideen moderner Inszenierungen, spricht über Terrorismus im Namen der Freiheit und bedauert das "Ausquetschen" junger Sänger.
Frage: Sie haben die Rolle des Procida in "I Verspri Siciliani" schon oft gesungen. Was mögen Sie daran?
Furlanetto: Procida war die erste Verdi-Rolle, die ich gesungen habe, das war schon 1981 in New York. Ich war immer sehr fasziniert von diesem Charakter. Alle großen Verdi-Rollen sind stimmlich sehr fordernd, aber nur wenige haben auch einen Wert als Interpret. Procida ist aus sizilianischer Sicht der größte Patriot, den man sich vorstellen kann. Wenn man aber die französische Seite sieht, die unserer heutigen Perspektive näher ist, dann ist er ein Terrorist. Diese beiden Seiten zu spielen ist wirklich spannend.
Frage: Ist er damit auch eine zeitlose Figur?
Furlanetto: Ja. Er ist ein Fundamentalist. Er ist absolut überzeugt, dass der einzige Weg zur Freiheit der Kampf ist - ohne Rücksicht auf Verluste. Sein eigenes Blut, oder das seiner Freunde, es gibt nur ein Ziel: Freiheit. So jemand ist sehr gefährlich, und diese Gefahr kennen wir heute überall in unserer Welt. Ein Vorbild für Procida in dieser Produktion war der berühmte italo-amerikanische Mafioso Lucky Luciano. "Vespri" ist eine der wenigen Verdi-Opern, die man auch in modernem Kleid zeigen kann.
Frage: Haben Sie eine Vorliebe für historische Inszenierungen?
Furlanetto: Wenn es um einen historischen Stoff mit echten geschichtlichen Figuren geht, dann habe ich keinen Zweifel, das muss behalten werden. Ich mache heuer zum Beispiel "Boris Godunow" am Bolschoi. Ich habe darauf bestanden, die Produktion aus den 50er Jahren zu machen, mit den alten Kostümen und den alten Apartments im Kremlin. Sie haben auch eine neue Version, wo Boris seine Krönungszeremonie auf einem Tank begeht - wie Boris Jelzin. Das interessiert mich nicht. Diese beiden Männer sind doch nicht vergleichbar! Boris Godunow war ein großer Politiker, der an Reue gestorben ist. Das würde heute keinem Politiker passieren.
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