
"Wiener Zeitung":Nach einem achtstündigen Probentag wirken Sie noch immer gut gelaunt und energiegeladen. Sind Sie mit den Proben zufrieden?
Manuel Legris: Ich bin total erledigt und ohne Stimme nach diesem Probentag, aber das wird schon wieder. Das gehört dazu.
Sie starten nun in Ihre dritte Saison am Sonntag mit "Der Nussknacker". Warum gerade die Nurejew-Version?
Ich bin irgendwie noch immer in Kontakt mit Nurejew (lacht). Seine Version passt zum Wiener Opernhaus, zum Wiener Publikum. Und ich mag sie. Natürlich hätte ich für diesen Premierentermin auch eine andere Produktion finden können. Aber mit dem Erfolg von Nurejews "Don Quichotte" in der letzten Spielzeit war es nur naheliegend.

Was macht diese Version so einzigartig, dass sie bis heute in den großen Opernhäusern der Welt auf dem Spielplan steht?
Es ist kein typischer "Nussknacker" mit viel Zuckerguss, sondern er ist intellektueller aufgebaut, hält sich mehr an die Erzählung von E.T.A. Hoffmann. Einerseits ist es für Kinder unterhaltsam, andererseits auch tiefenpsychologisch für Erwachsene. Nurejew hat sich immer von der Vergangenheit inspirieren lassen, aber er hat eine zusätzliche Ebene hinzugefügt. Er inszenierte sehr subtil, sehr klar und präzise. Nurejews Ballett ist wie ein Film, alles greift ineinander wie Zahnräder.
Die Choreografie ist eine Herausforderung für das Ensemble, meinten Sie im Frühjahr.
Das ist sie. Ich dachte, die Einstudierung von "Don Quichotte" war schon die schwierigste, aber der "Nussknacker" toppt es noch einmal. Jede Sekunde birgt ein wichtiges Detail, und ich hoffe sehr, dass das Publikum dies auch bemerkt. Das Timing, Set, Licht, die Musik und dazu die Tänzer, die schauspielen, und die Eleven... ein unglaublicher Arbeitsaufwand. Gerade heute wieder haben wir gemerkt, wie schwierig es ist, all die Mosaike zusammenzusetzen. Und das alles in einem sehr hohen Tempo, denn das Ballett ist kürzer als etwa "Don Quichotte" und verdichtet somit alle Arbeitsvorgänge. Aber ich denke, wir haben es sehr gut gemanagt, und wenn sich niemand verletzt oder krank wird, dann wird es mehr als nur eine getanzte Choreografie - die Tänzer werden sie auch fühlen.
Nach der Premiere starten Wiener Balletttage vom 21. Oktober bis 12. November mit 11 Vorstellungen in Staatsoper und Volksoper. Ist das nicht schon eine Überforderung anstatt einer Herausforderung?
Ich habe die Chance einfach ergriffen, nachdem die Oper auf Tour ist. Es ist fast eine Übung für unsere Tournee am Ende der Saison. Aber ich sehe kein Problem, denn die Tänzer sind in wirklich sehr guter Verfassung und die Stücke sind technisch ähnlich. Wenn es zu viel ist, schalte ich zurück. Ich bin ja nicht verrückt, denn ich brauche die Tänzer; ich kann es ja nicht alleine machen. Beschwert hat sich noch niemand.
Haben Sie keine Bedenken?
Wenn ich Angst hätte, dann sollte ich hier nicht Direktor sein. Denn es passiert immer irgendetwas, das es zu lösen gibt. Aber ich mache meine Arbeit, die Tänzer ihre, und manchmal funktioniert es und manchmal nicht. Ich komme um acht und gehe nach der Vorstellung oder frühestens um 21 Uhr. Ich tue mein Maximum.
MitIhremMaximumhabenSie es geschafft, das Ensemble aufzuwerten. Welche Zutaten waren noch nötig?
Das wichtigste ist eine sehr starke technische Basis, mit der man jeden Stil, jede Choreografie tanzen kann. Ohne sie scheitert man, sobald es zu schwierig wird. Die Technik hat sich weiterentwickelt, und wir müssen sie respektvoll adaptieren. Das ist auch ein weiterer Aspekt, den ich an Nurejews Stil schätze. Er ist nicht altmodisch, sondern wirkt modern. Wie auch etwa sein "Don Quichotte", der so frisch strahlt.
Was möchten Sie bis 2015 noch verändern?
Da endet mein Fünf-Jahres-Vertrag. Ich denke nicht so weit voraus, sondern fokussiere mich auf das Jetzt. Im Moment stecke ich ein wenig fest, denn ich möchte mehr Tourneen machen und vor allem neue Kreationen. Und da weiß ich nicht wie.
Worin liegt das Problem?
Ich kann Tänzer nicht für zwei Monate nur für eine Neukreation freistellen, ich brauche sie für den Repertoire-Betrieb. Es fehlt mir der kreative Aspekt, neue Ideen zu entwickeln. Im Moment weiß ich noch nicht, wie ich das lösen werde. Ich fühle mich am Maximum angekommen, aber es ist nicht mein Maximum.
Das klingt, als würden Sie weggehen wollen.
Nein, Wien ist meine Stadt, hier ist mein Ensemble. Die Gerüchte, ich würde an die Pariser Oper zurück gehen, stimmen nicht. Ich bin voll auf meine Arbeit konzentriert. Ich habe viele Möglichkeiten, und es istnicht eine Frage des Budgets.
Die Finanzlage der Staatsoper ist angespannt. Hat dies Konsequenzen für das Ballett?
Nein, wir haben einen Sponsor gefunden, und unsere Auslastung ist seit Saisonstart 100 Prozent. Aber Sparen liegt in der Luft, das ist klar. Aber es ist auch wichtig, in Premieren zu investieren, denn es spielt sich wieder ein. So wie bei Nurejews Ballett-Version.
Tanzhistorisch betrachtet
(vf) Zahlreiche Versionen sind seit der Uraufführung des Weihnachtsballetts "Der Nussknacker" 1892 am Mariinski-Theater in Sankt Petersburg entstanden - inhaltlich changierend zwischen psychologischem Tiefgang und Ausstattungswerk.
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