• vom 08.10.2012, 07:40 Uhr

Bühne

Update: 08.10.2012, 10:07 Uhr
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Wir sind noch einmal davongekommen

Menschheitsgeschichte in der Tretmühle



  • St. Pöltens Landestheater neu eröffnet mit einem Thornton-Wilder-Altertum

St. Pölten 2012. Das Foyer ist pipifein neu gestylt. Was verspricht die Intendantin Bettina Hering, die zuletzt Regie führte im Sommertheater der Stadt Haag sowie bei Rudolf Scholtens Festival "Literatur im Nebel" in Heidenreichstein?

St. Pölten 2012. Das Foyer ist pipifein neu gestylt. Was verspricht die Intendantin Bettina Hering, die zuletzt Regie führte im Sommertheater der Stadt Haag sowie bei Rudolf Scholtens Festival "Literatur im Nebel" in Heidenreichstein?APAweb/ROLAND SCHLAGER St. Pölten 2012. Das Foyer ist pipifein neu gestylt. Was verspricht die Intendantin Bettina Hering, die zuletzt Regie führte im Sommertheater der Stadt Haag sowie bei Rudolf Scholtens Festival "Literatur im Nebel" in Heidenreichstein?APAweb/ROLAND SCHLAGER

Alle Neuen auf Intendantensesseln beginnen gern mit richtungweisenden Bekenntnissen. Matthias Hartmann eröffnete sein Burgtheaterregiment mit Goethes "Faust", Claus Peymann mit Bernhards "Theatermacher". St. Pölten ist nicht anders als Wien. Der bildungsbeflissene Peter Wolsdorff aus dem Volkstheaterensemble begann dort 1991 mit der Toleranzpredigt in Lessings "Nathan der Weise" - und Bischof Kurt Krenn als Ehrengast in der Proszeniumsloge. Reinhard Hauser, mehr Kaufmann als Künstler, streute 2002 dem Publikum Zucker mit "My Fair Lady". Die aus der Josefstadt geholte Dramaturgin Isabella Suppanz verhieß 2005 Internationalität und neue Stücke mit Carl Djerassis Künstlergroteske "Ego".

St. Pölten 2012. Das Foyer ist pipifein neu gestylt. Was verspricht die Intendantin Bettina Hering, die zuletzt Regie führte im Sommertheater der Stadt Haag sowie bei Rudolf Scholtens Festival "Literatur im Nebel" in Heidenreichstein? Der Dreiakter "Wir sind noch einmal davongekommen" verkündete in den Wiederaufbau-Jahren den Deutschen und Österreichern die Heilsbotschaft, dass jeder globalen Katastrophe ein hoffnungsgebender Neuanfang folge. Thornton Wilder (1897 – 1975) stand als Dichter obenauf im Menü der amerikanischen "Reeducation". Mit ihrer "Schlussstrich"-Tendenz förderte sie das heutzutage den Nachkriegsmenschen pauschal vorgehaltene Verdrängen und Vergessen. Denn der Feind von einst ist nun Partner im Kalten Krieg.

Der 1942 uraufgeführte Galopp durch Erdzeitalter und Realitätssphären, mit seinen Unterbrechungen durch den "Regisseur" und Pseudoaufständen der "Schauspieler" mimenden Schauspieler, war beim Publikum nie wirklich geliebt – am wenigsten in Österreich, wo Techniken des epischen Theaters der Ausdörrung jeder Spiellust geziehen wurden. Als Pflichtlektüre in den Schulen war der epische Dramatiker Wilder weit verbreitet. Statt an Brecht wurde am Exempel Wilder experimentelle Modernität gelehrt.
Wilder presste humanistische Bildungslasten (Genesis, Platon, Aristoteles, Spinoza) ins klebrige Milieu der amerikanischen Middleclass. Dreimal Beinahe-Weltuntergang: Eiszeit, Sintflut, "siebzigjähriger Weltkrieg" (seit der Schlacht von Sedan bis zur Gegenwart). In solchen anthropologischen Konjunkturzyklen müssen Debatten über persönliche Schuld untergehen. Der Bösewicht trägt das Kains-Zeichen auf der Stirn. Die Rollen sind von Anfang an verteilt. Dreimal Neuanfang. Und so fort. Vater Mr. Antrobus (Adam) bringt die Seinen immer wieder durch. So will es amerikanischer Familien- und Pioniergeist.


Wie exhumiert man Wilders Mythenverschnitt? Mit leichter Hand, die Ironie selbst über schwerste Menschheitsbrocken gießt und mit flapsigen Gesten Bedeutungsschwere zerstäubt. Daniela Kranz, die Regisseurin, zeigt ein postdramatisches Unverbindlichkeitsspektakel auf René Polleschs Geleisen. Dazu gehörte auch Martin Wuttkes Prolog mit einem wortklauberischen Pollesch-Text, indem zuletzt die neue Direktion "gesegnet" wurde.

Am einleuchtendsten die Bühne (Bettina Kraus): eine weiße Röhrentrommel wie das Laufrad für Kleinnager. Die Family Michael Scherff, Babett Arens, Marion Reiser, Pascal Gross und die - im ersten Auftritt als Dienstmädchen glänzende - Franziska Hackl balanciert mit dem gebotenen Unernst in und auf der Tretmühle. Komisch immerhin die Persiflage auf einen US-Wahlkonvent.

Dass die Theatraliker an ihr Bühnendrama selber nicht mehr glauben, spürte wenigstens die Hälfte der Gäste. Die andere klatschte schier unermüdlich. Eine enttäuschende Regierungserklärung. Könnte der Schlusssatz des Stücks trösten? Thornton Wilder ließ ausrichten: "Das Ende des Stücks ist noch nicht geschrieben". Schon ab 11. Oktober wird "Der Bauer als Millionär" in Jérôme Savarys Regie gezeigt. Premiere war im Sommer in Baden.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-07 17:01:31
Letzte Änderung am 2012-10-08 10:07:35


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