• vom 08.10.2012, 16:46 Uhr

Bühne

Update: 08.10.2012, 21:11 Uhr
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Neueröffnung des Landestheaters NÖ mit Thornton Wilder

In der Tretmühle


Von Hans Haider

Postmodernes Spektakel: (v.l.n.r.) Marion Reiser, Michael Scherff, Babett Arens, Pascal Gross. - Gallauer

Postmodernes Spektakel: (v.l.n.r.) Marion Reiser, Michael Scherff, Babett Arens, Pascal Gross. Gallauer

Alle Neuen auf Intendantensesseln beginnen gern mit richtungweisenden Bekenntnissen. Matthias Hartmann eröffnete sein Burgtheaterregiment mit Goethes "Faust", Claus Peymann mit Bernhards "Theatermacher". St. Pölten - nicht anders als Wien. Der bildungsbeflissene Peter Wolsdorff aus dem Volkstheaterensemble begann 1991 mit der Toleranzpredigt in Lessings "Nathan der Weise" - und Bischof Kurt Krenn als Ehrengast in der Proszeniumsloge.

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St. Pölten 2012. Das Foyer pipifein neu gestylt. Was verspricht die Intendantin Bettina Hering, die im Sommer Regie führte in Stadt Haag sowie bei Rudolf Scholtens Festival "Literatur im Nebel" in Heidenreichstein? Der Dreiakter "Wir sind noch einmal davongekommen" (1942) verkündete in den Wiederaufbaujahren die Heilsbotschaft, dass jeder globalen Katastrophe ein hoffnungsgebender Neuanfang folge. Thornton Wilder stand als Dichter obenauf im Menü der amerikanischen "Reeducation". Mit ihrer "Schlussstrich"-Tendenz förderte sie das heutzutage den Nachkriegsmenschen pauschal vorgehaltene Verdrängen und Vergessen. Denn der Feind von einst ist nun Partner im Kalten Krieg.

Bildungslasten
Wilder presste humanistische Bildungslasten (Genesis, Platon, Aristoteles, Spinoza) ins klebrige Milieu der amerikanischen Middle-class. Dreimal Beinahe-Weltuntergang: Eiszeit, Sintflut, "siebzigjähriger Weltkrieg". In solchen anthropologischen Konjunkturzyklen müssen Debatten über persönliche Schuld untergehen. Der Bösewicht trägt das Kains-Zeichen auf der Stirn.

Wie exhumiert man Wilders Mythenverschnitt? Mit leichter Hand, die Ironie selbst über schwerste Menschheitsbrocken gießt und mit flapsigen Gesten Bedeutungsschwere zerstäubt.

Daniela Kranz, die Regisseurin, zeigt ein postdramatisches Unverbindlichkeitsspektakel auf René Polleschs Geleisen. Dazu gehörte auch Martin Wuttkes Prolog mit einem wortklauberischen Pollesch-Text, in dem zuletzt die neue Direktion "gesegnet" wurde.

Am einleuchtendsten die Bühne (Bettina Kraus): eine weiße Röhrentrommel wie das Laufrad für Kleinnager. Die Family Michael Scherff, Babett Arens, Marion Reiser, Pascal Gross und die - im ersten Auftritt als Dienstmädchen glänzende - Franziska Hackl balanciert mit dem gebotenen Unernst in und auf der Tretmühle. Komisch immerhin die Persiflage auf einen US-Wahlkonvent.

Dass die Theatraliker an ihr Bühnendrama selber nicht mehr glauben, spürte wenigstens die Hälfte der Gäste. Die andere klatschte schier unermüdlich. Eine enttäuschende Regierungserklärung. Könnte der Schlusssatz des Stücks trösten? Wilder ließ ausrichten: "Das Ende des Stücks ist noch nicht geschrieben."

Theater

Wir sind noch einmal davongekommen

Von Thornton Wilder

Landestheater St. Pölten




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-08 16:53:05
Letzte Änderung am 2012-10-08 21:11:05


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