• vom 10.05.2013, 15:27 Uhr

Bühne

Update: 10.05.2013, 17:45 Uhr

Barock

"Ein Counter muss männlich sein"




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Von Christoph Irrgeher

  • Opernsänger Rupert Enticknap mimt ab Montag Händels Orlando.

Will kein "Spezialist" sein: Rupert Enticknap. - © Jack Bevan

Will kein "Spezialist" sein: Rupert Enticknap. © Jack Bevan

Wien. Und dann kam er doch noch, der Anruf. Just vor der letzten Aufführung. Am Morgen wurde es für Rupert Enticknap zur Gewissheit: Der Hauptdarsteller des "Radamisto" war erkrankt, der 26-jährige Ersatzmann also gefordert. Was für den jungen Countertenor nicht weniger bedeutete als - den ersten großen Auftritt im Theater an der Wien. Ganz nervositätsfrei vergingen die Stunden bis dahin freilich nicht, wurden mit Spaziergängen und einer musikalischen Auffrischung totgeschlagen. Letztendlich sei dann aber alles gedeihlich verlaufen. "Eine großartige Erfahrung", sagt Enticknap. Und eine glückliche Fügung - schließlich nahm der ORF die Derniere der Händel-Oper auf. "Zum Glück habe ich das vorher nicht gewusst", sagt der Brite mit dem wohlklingenden Oxford-English.

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Nun steht sein erster regulärer Auftritt als Protagonist in Wien bevor - wenn auch auf kleinerer Bühne: Enticknap gibt ab Montag die Titelfigur in Händels "Orlando" in der Kammeroper. Seit dieser Saison wird das Haus vom Theater an der Wien mit einem handverlesenen Ensemble bespielt. Dass ihm auch Enticknap angehört, ist für den Sänger eine singuläre Erfahrung: "Das passiert mir vermutlich das erste und letzte Mal in meinem Leben", sagt er. Üblich ist es nämlich nicht, dass Opernhäuser seinesgleichen fix engagieren: Wenn Countertenöre höchste Spitzentöne erklimmen, tun sie es abseits des Standardrepertoires, meist im Dienste einer Barockoper. Wobei auch schon so mancher Komponist des 20. und 21. Jahrhunderts die wendigen Silberkehlen mit Arbeit versorgt hat.

Als "Spezialist" will Enticknap, der hierzulande auch schon auf Originalklang-Festivals reüssierte, dennoch nicht bezeichnet werden, fühlt sich damit in ein Eck gedrängt: "Wenn ich Musik von Puccini sänge, würde ich sie beim ersten Mal auch nicht verstehen - einfach, weil ich sie noch nie gesungen habe." Mit der Alten Musik sei es eigentlich nicht anders. Nur schwebe über den Barockklängen "so ein Geheimnis".

Die YouTube-Tenöre
Eine Aura, die sich zugleich enormer Publikumsgunst erfreut: Seit Jahren gehören Originalklang-Aufführungen zu den Blockbustern des Klassikbetriebs, und im Gefolge des Booms reißt auch der Zustrom von Barocksängern in spe nicht ab. "In den letzten fünf, zehn Jahren gab es eine regelrechte Welle von Countertenören - oder Leuten, die sich dafür halten. Auf YouTube tun das Hunderte. Das ist eine Modeerscheinung geworden", sagt Enticknap. Ein Boom, der freilich auch zur Akzeptanz seines Berufs beigetragen hat: Die Herren mit den hohen Sangesstimmen "gelten in der Musikwelt nicht mehr als seltsam. Der Counter ist Mainstream geworden."

Wie er selbst einer wurde? Von Kindestagen an in Chören aktiv, versuchte sich Enticknap nach dem Stimmbruch zwar in diversen Lagen - landete aber doch wieder weit oben. Und als er dann nach einem Musikwissenschaftsstudium vor der Wahl stand, sich zum Komponisten oder Profi-Sänger ausbilden zu lassen, wählte er die zweite Option - "es fühlte sich einfach natürlich an".

Natürlich?, könnten Laien da einwenden. Was Enticknap jedenfalls nicht bestreitet: Ein Mann, der frauliche Tonhöhen erreicht, bleibt rein psychologisch ein Faszinosum. "Man spielt mit dem Unerwarteten, dem Mehrdeutigen." Nichtsdestotrotz haben Komponisten wie Händel ihre Counter-Rollen - oder richtiger gesagt: Kastratenpartien - für männliche Handlungsträger geschrieben. Enticknap: "Ich glaube fest, dass man nicht den Klang einer Frau imitieren darf. Als Counter muss man auf der Bühne ein Mann sein - ein Liebhaber oder Schurke."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2013-05-10 15:29:06
Letzte Änderung am 2013-05-10 17:45:08


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