• vom 08.07.2013, 17:39 Uhr

Bühne

Update: 10.07.2013, 19:27 Uhr

Oper

Das Gute ist das wahre Böse




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Von Judith Belfkih

  • Die Oper "Attila" im Theater an der Wien

Mit dem Kochlöffel gegen Rom: Ein gezähmter Hunnenkönig Attila (Dmitry Belosselsky) wird im Finale Opfer der ihren Vater rächenden Odabella (Lucrecia Garcia).

Mit dem Kochlöffel gegen Rom: Ein gezähmter Hunnenkönig Attila (Dmitry Belosselsky) wird im Finale Opfer der ihren Vater rächenden Odabella (Lucrecia Garcia).© Th.a.d.Wien/Monika Rittershaus Mit dem Kochlöffel gegen Rom: Ein gezähmter Hunnenkönig Attila (Dmitry Belosselsky) wird im Finale Opfer der ihren Vater rächenden Odabella (Lucrecia Garcia).© Th.a.d.Wien/Monika Rittershaus

Zivilisation macht nicht zwingend friedlicher. Das schicke Kleid der Kultiviertheit macht erst so richtig grausam. Erst im grauen Zweiteiler wird aus dem Spiel mit dem Tod Ernst. Letztlich bleibt Rache jedoch Rache. Und macht Alter weder weiser noch milder. Ob beim ausgelassenen Krieg-Spielen im Kindesalter oder dem Tod entgegen schlurfend in der Geriatrie.

Peter Konwitschny hat im Theater an der Wien versucht, Giuseppe Verdis früher und heute (nicht nur zu Unrecht) selten gespielter Oper "Attila" eine inhaltliche Metaebene hinzuzufügen. Die erschließt sich zwar erst im Finale endgültig, davor sorgen Konwitschnys Bilder für pointierte Lacher oder aber für Verwirrung. Der große Bogen stimmt letztlich, die konkrete Umsetzung verblödelt und verschenkt jedoch viel. Mintunter zu viel. Denn es bleibt bei Details, die erahnen lassen, welche Abgründe in dieser Oper über den Marsch der Hunnen auf das heilige Rom noch aufzudecken wären.

Information

Oper
Attila
von Giuseppe Verdi
Theater an der Wien
RSO, Riccardo Frizza (Dirigent)
Peter Konwitschny (Regie)
Termine bis 18. Juli


Verdi erweitert die historische Grundlage des Hunnenfeldzuges um die klassischen Opernzutaten. Der vermeintlich böse Bass (Attila) kämpft gegen den nicht ganz so bösen Bariton (Ezio) und mit dem guten Tenor (Foresto) um mutige und edle Sopranistin (Odabella). Die Guten überleben, Tenor kriegt Sopranistin, Bass muss sterben. Regisseur Konwitschny dreht die klassische Sympathieverteilung um. Seine Gunst gilt klar dem Titelhelden, der Bariton wird zur pointierten Helden-Karikatur, der Tenor ist nur erbärmlich. Und sterben müssen letztlich alle. Ein Muster, das sich auch in der musikalischen Gestaltung der Partien findet. Dmitry Belosselsky ist ein stimmlich markanter und präsenter Attila, George Petean ist ihm als römischer General Ezio ein würdiger Gegenspieler. Tenor Nikolai Schukoff kämpft sich durch die Partie des Foresto. Und die temperamentvolle Lucrecia Garcia singt sie als Odabella alle an die Wand. Ihr Sopran ist imposante, nicht immer kontrollierbare Naturgewalt und kein differenziertes Ausdrucksmittel.

Klobesen, russisches Roulette und der Tod im Rollator
Spielfreude bringen sie alle mit. Bei Konwitschny ist die geforderte Bandbreite dabei groß: Was als wildes Kinderspiel mit Kochlöffel, Klobesen und Schneeruten beginnt, wird in grauen Anzug beim russischen Roulette ernst und endet in Rollstuhl und Rollator letztlich für alle Beteiligten tödlich. Ausstatter Johannes Leiacker hat Konwitschnys Ideen in ebenso schlichte wie klischeehaft überzeichnete Gewänder gesteckt - Barbaren im Pelz, Bürotiger in Grau und Tattergreise im Hausmantel. Gemeinsam ist beiden das Stilmittel Karikatur, bei dem sie jedoch oft an der humoresken Oberfläche dahingleiten und Tiefenschichten verschenken.

In Sachen verschenken kann auch die musikalische Umsetzung der mithalten. Das Radio-Symphonieorchester Wien liefert eine kraftvolle, aber nicht immer fein gesponnene Interpretation. Auch hier lässt Dirigent Riccardo Frizza vor allem in schönen Details erahnen, was noch möglich gewesen wäre. Dieser junge Verdi setzt eher auf bombastische Martialität als auf dramatisch flirrende Italianità. Eine ordentliche, durchaus tadellose, aber keinesfalls herausragende Lesart.

Das Schönste an dieser Produktion: Oper weiß in Wien noch so richtig zu empören. So beschimpften sich bei der Premiere am Sonntag Zuseher beider Fraktionen noch vor dem Finale, indem sie lautstark ihre Meinung kundtaten. Die Rufe nach der Polizei sowie das Fazit "Steuerverschwendung" waren im Buh und Bravo-Orkan noch die harmlosesten. Schön, dass Oper in Wien nicht ganz zum artig schmückenden Beiwerk verkommen ist.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-07-08 17:44:05
Letzte nderung am 2013-07-10 19:27:31



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