• vom 04.05.2015, 16:39 Uhr

Bühne

Update: 05.05.2015, 13:32 Uhr

Interview

"Unbequeme Wahrheiten"




  • Artikel
  • Lesenswert (8)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Petra Paterno

  • Bestseller-Autorin Zadie Smith über Flüchtlinge, radikale Islamisten und die Wimperntusche-Krisen.



"Wiener Zeitung": Die Afrikanerin Fatou, die Protagonistin Ihrer jüngsten Erzählung "Die Botschaft von Kambodscha", die nun in Wien dramatisiert wurde, wandert nach Europa aus, wo sie auf alle möglichen Arten ausgenutzt wird. Warum setzt sich Fatou nicht zur Wehr?

Zadie Smith: Es mag ja sein, dass Fatou passiv erscheint, aber wenn man bedenkt, was sie hinter sich hat, wird deutlich, wie unglaublich stark sie ist. Fatou stammt aus einem afrikanischen Dorf, sie flieht in eine europäische Großstadt. Sie kommt vielleicht aus einem Land wie Gambia, Sierra Leone oder der Elfenbeinküste, wo Frauen nach wie vor ohne Elektrizität, Kanalisation und sauberes Wasser leben müssen, wo Frauen in Subsistenzwirtschaft arbeiten und so gut wie keine Schulbildung haben. Ich kann nicht behaupten, dass ich weiß, wie sich Armut anfühlt. Ich erahne aber, dass es mehr Mut und Kampfgeist braucht, um diesen Alltag zu bewältigen, als die meisten Europäer in ihrem ganzen Leben entwickeln.

Information

Zadie Smith, 39, ist seit ihrem Debüt ("Weiße Zähne", 2000) eine der renommiertesten Erzählerinnen der postkolonialen Migrationsgesellschaft. Die Bestsellerautorin wuchs in einer Londoner Arbeitergegend auf, lebt heute in New York und London.


Fatou arbeitet als Hausangestellte. Man begegnet ihr respektlos, sie erhält keinen Lohn. Dennoch legt sie Wert darauf, sich selbst nicht als Sklavin zu betrachten. Warum negiert Sie hartnäckig ihre Realität?

Es geht um Selbstwertgefühl im Umgang mit der eigenen Identität und den kulturellen Wurzeln. Im Grunde können die Westeuropäer auf ihre Errungenschaften der vergangenen Jahrhunderte mit Stolz und Selbstsicherheit zurückblicken - ausgenommen natürlich die Zeit des Nationalsozialismus. Wenn sich Afrikaner dagegen mit der Geschichte ihres Volkes auseinandersetzen, stoßen sie sehr bald auf die Gräuel der Sklaverei. Es fällt mir immer noch schwer darüber zu besprechen, weil es auch mich persönlich betrifft: Das Wissen, dass die eigenen Vorfahren noch versklavt wurden, macht einen nicht nur wütend, sondern ist in gewisser Weise schambehaftet. Das wirkt sich auf die Psyche von Individuen und Gemeinschaften aus. Eine der Grundregeln der Sklaverei war, dass ein Sklave weder lesen noch schreiben durfte. Darauf stand die Todesstrafe. Von allen Entbehrungen, unter denen diese Menschen leiden mussten, erscheint mir dieses Verbot besonders obszön. Deshalb versuche ich, in "Die Botschaft von Kambodscha" in den Gesprächen zwischen Fatou und ihrem afrikanischen Freund Andrew ein möglichst realitätsnahes Bild davon zu vermitteln, was es heißt, sich mit geringer Bildung in der modernen Welt zurechtfinden zu müssen. Millionen von Menschen sind davon betroffen.

weiterlesen auf Seite 2 von 3




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-05-04 16:44:05
Letzte nderung am 2015-05-05 13:32:42



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Feminismus hat heute mehr Witz"
  2. Der deutsche Wald ohne Baum und Borke
  3. "Guter Vorsatz ist der neue Luxus"
  4. Vor uns der "Draghi-Crash"?
  5. Vergnügen mit größtmöglichem Chaos
Meistkommentiert
  1. Harte Fronten im Römersteinbruch: Keine Oper 2018
  2. Der Hausmeister von Graceland
  3. "Unvorstellbar, dass man sich widersetzt"
  4. Kunst
  5. Psychogramm eines Verbrechers

Werbung



"Zusammenspiel" von Irene Charlotte Jahn.

Am Montagabend feierte Michael Haneke mit "Happy End" zum siebenten Mal Weltpremiere im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes. Monica Bellucci war die Gastgeberin beim Auftakt des Festivals: Eine ehrenvolle Rolle, bei der man durch den Gala-Abend führt. Entsprechend chiczeigte sich die inzwischen 52-Jährige.

Fesselndes am letzten Wochenende in Krems: "Durational Rope" von Quarto brachten Seile unter anderem zum Tanzen. Blixa Bargeld und eines seiner Instrumente.

Werbung



Werbung